Dr. med. Jördis Frommhold im Interview über Long Covid
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Dr. med. Jördis Frommhold im Interview über Long Covid

Im Interview für gesund&vital.de berichtet Dr. med. Jördis Frommhold von Ihrer Idee ein Buch über Long Covid zu schreiben.
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Das Buch Long Covid von Dr. med. Jördis Frommhold
Inhaltsverzeichnis

Frau Dr. med. Jördis Frommhold ist Chefärztin der Abteilung für Atemwegserkrankungen und Allergien an der Median Klinik in Heiligendamm. Ebenso ist sie Expertin auf dem Gebiet der Long-Covid-Erkrankungen und hat ein Buch zu diesem Thema veröffentlicht: LongCovid. Die neue Volkskrankheit. Wie man sie erkennt, warum sie so viele betrifft und was wirklich hilft.

Im Interview für gesund&vital.de berichtet sie von der Idee ein Buch über Long Covid zu schreiben und von Ihrer Auszeichnung zur „Frau des Jahres 2021“ in Mecklenburg-Vorpommern.

gesund&vital: Long Covid wird oftmals auch als: Genesen, aber nicht gesund, bezeichnet. Welche Symptome von Long Covid kommen denn am häufigsten vor?

Dr. Frommhold: Bei Long Covid haben wir eine große Vielfalt an den verschiedensten Symptomen. Bis zu 200 unterschiedliche Symptome wurden bisher festgestellt. Jedoch lassen sich „Kernsymptome“ festhalten, wie zum Beispiel die Long-Covid-Fatigue, also die ausgeprägte Ermüdung und Belastungsintoleranz. In der schlimmsten Ausprägung kann es auch zur Bettlägerigkeit kommen.

Da ist es wichtig, dass sich Betroffene nicht überlasten, auf sich Acht geben und sich an die neuen Grenzen ihres Körpers gewöhnen. Zudem kommen ebenfalls Symptome wie Luftnot, Husten und Schmerzen im Brustbereich vor. Hier empfehle ich dringlich, auch in der Akutphase der Erkrankung, Atemübungen durchzuführen. Diese werden in meinem Buch auch verständlich erklärt und genauer beschrieben.

Darüber hinaus gibt es noch die kognitiven Einschränkungen, also Merkfähigkeitsproblematiken, Wortfindungsstörungen oder demenzielle Symptome. Hierfür eignet sich ein Hirnleistungstraining, zum Beispiel in Form eines Kreuzworträtsels, Sudoku oder Memory.

Würden Sie behaupten, dass die Erkenntnisse über Long Covid in Deutschland zu spät kamen?

Mir liegt es nicht, zu tadeln. Ganz im Gegenteil finde ich es schön, dass wir uns jetzt mit diesem Thema befassen. Es betrifft sehr viele Menschen und daher ist es in meinen Augen nie zu spät, sich mit einem Thema zu befassen, das vorher vielleicht weniger im Fokus war.

Aus der eigenen (klinischen) Erfahrung muss ich sagen, dass wir bereits in den Sommermonaten 2020 festgestellt haben, dass gerade Patient: innen mit akut milden Verläufen, von den Spätfolgen betroffen waren. Seit diesem Zeitpunkt versuche ich auf Long-Covid-Symptome aufmerksam zu machen. Damals wurde ich mit Unglaubwürdigkeit und teilweise mit Hassnachrichten konfrontiert, die zum Glück wieder abnahmen. Daran kann man festhalten, dass die Akzeptanz geringer war, doch ich freue mich, dass es vorwärts geht.

Was würden Sie Betroffenen raten, die die Vermutung haben, von Long Covid betroffen sein zu können?

Sobald nach einer Akutinfektion oder nach einem gewissen Zeitraum, sich der körperliche Zustand oder sich die geistigen Fähigkeiten verschlechtern oder aber Symptome wie Knochen,- und Muskelschmerzen oder Herzrasen auftreten, sollte ein Internist aufgesucht werden. Ebenso ist es ratsam, den Arzt oder die Ärztin darüber zu informieren und die Vermutung zu schildern.

Die Behandlung hängt davon ab, welche Symptome aufgetreten sind. Also wird zum Beispiel das Herz oder die Lunge kontrolliert.  Dementsprechend kommen dann verschiedene Bereiche der Medizin wie zum Beispiel die Kardiologie oder die Pneumologie zum Einsatz.

Sie haben erwähnt, dass mehr Frauen als Männer von Long Covid betroffen sind. Woran liegt das genau?

Da gibt es verschiedene Hypothesen zu. Hierbei müsste die Wahrscheinlichkeit der Ursache einer Long-Covid-Erkrankung in Betracht gezogen werden. Eine plausible Ursache ist, dass Frauen mehr zu einer Autoimmunerkrankung neigen als Männer. Außerdem spielt die Körperreflektion eine entscheidende Rolle. Frauen bemerken Symptome oder Veränderungen des Körpers stärker als Männer.

Long Covid kann bedauerlicherweise noch nicht geheilt werden, aber die Symptome können gelindert werden. Was eignet sich da am besten?

Es ist wichtig, das vorherrschende Problem zu beachten. Meistens sind die Symptome parallel vorhanden. Es ist sehr hilfreich, diese zu bemerken und wirklich anzunehmen. Sich an die neuen, sowohl körperlichen als auch geistigen Grenzen, zu gewöhnen. Sich zum Beispiel nicht zu überarbeiten und den Körper zu erlauben, erschöpft und müde zu sein. Das ist uns, in unserer heutigen Leistungsgesellschaft, abhandengekommen. Doch es ist kontraproduktiv an einem guten Tag 140 Prozent zu geben und am nächsten, nicht mehr aus dem Bett zu kommen. Stattdessen sollte Selbstfürsorge und Selbstakzeptanz betrieben werden.

Wie entstand die Idee ein Buch über Long Covid zu schreiben?

Angefangen hat es mit einem Radiointerview, das ich gegeben hatte. Mein Lektor beim C. H. Beck Verlag hat den Beitrag gehört und mir daraufhin eine Mail geschrieben, dass das Thema sehr wichtig ist und ich unbedingt ein Buch schreiben muss. Erst war ich von der Idee nicht besonders überzeugt, doch viele Patient: innen hatten mich nach der Reha um Tipps für die Fortführung der Übungen gebeten. Da dachte ich mir, dass ich diese in das Buch integrieren und damit mehr Menschen helfen könnte. Mir war es besonders wichtig, dass die Thematik für jeden verständlich ist und das Buch leicht zu lesen ist.

Gibt es eine Situation, während der Behandlung von Patient: innen, die Sie besonders berührt und geprägt hat?

Da gibt es einige. Wir haben auch überwiegend mit jungen Menschen zu tun. Es belastest einen sehr, wenn die Symptome so sehr einschneiden, dass sie das Leben der jungen Personen beeinträchtigen. Oft berichten mir auch Patient: innen, dass Sie mit Vorurteilen konfrontiert werden und keine Unterstützung ihrer Familien erfahren. Die Hilflosigkeit dieser Menschen macht mich besonders traurig.

Sie erwähnen ebenfalls, dass Sie stets versucht haben, auf das Problemfeld der Long-Covid-Erkrankung aufmerksam zu machen. Daraufhin haben Sie unter anderem Hassnachrichten erhalten, mit dem Vorwurf noch mehr Angst und Panik zu verbreiten. Haben Sie nicht den Gedanken gehabt, aufzuhören?

Absolut. Die Hassnachrichten oder auch Mails sind inzwischen jedoch weniger geworden. Angefangen hat es im Sommer 2020. Als ich sie dann angefangen habe zu lesen und bemerkt habe, in welche Richtung die Nachrichten gehen, habe ich wieder aufgehört. Dann habe ich sie gar nicht mehr gelesen, ich habe auch nie auf solche Kommentare geantwortet. Als Ärztin war ich dies auch in keiner Weise gewohnt, da die Medizin schließlich auch Menschen hilft. Wir sind daher so vorgegangen, dass entweder Bekannte oder mein Klinikleiter die Nachrichten gelesen haben, um mir ernstzunehmende Drohungen mitteilen zu können.

Eines Tages kam mein Klinikleiter dann zu mir und sagte „Wahnsinn, was heute für Nachrichten kamen. Zum Glück haben Sie die nicht gelesen.“ In solchen Momenten hinterfragt man seine Motivation durchaus. Ich habe mich jedoch bewusst dazu entschieden weiterzumachen und weiterhin von Long Covid zu berichten, da ich dadurch Menschen helfen kann. Schließlich wurde ich um eine Meinung gebeten, die ich dann geäußert habe und ich werde die auch nicht aufgrund von Kommentaren ändern. Ich muss dazu sagen, dass diese Nachrichten nachgelassen haben und ich heute mehr Mails mit einem Dank erhalte.

Sie wurden „Frau des Jahres 2021“ in Mecklenburg-Vorpommern. Wie haben Sie reagiert, als Sie von dieser Auszeichnung erfahren haben?

Das war eine witzige Situation. Ehrlich gesagt wusste ich gar nicht, dass es diese Auszeichnung gibt. Umso überraschter war ich, als ich einen Anruf von der damaligen Sozialministerin bekam, ein paar Minuten vor einem Vortrag, den ich per Videokonferenz abhalten wollte. Ich war stolz und habe mich gefreut, aber in dem Moment habe ich es gar nicht realisieren können. Ich habe dann geantwortet: Wir müssen nachher telefonieren, ich habe gleich einen Vortrag! Abgesehen davon ist so eine Auszeichnung besonders wichtig. Auf der einen Seite für die Medizin und auf der anderen Seite für Frauen, speziell für jüngere Frauen in Führungspositionen. Insofern ist es eine tolle Auszeichnung und erfüllt mich selbstverständlich mit Freude und Stolz.

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft und erlauben es uns nicht, erschöpft und müde zu sein. Die Erkenntnis über Long Covid sowie Ihr Buch haben vielen Personen geholfen, die Krankheit zu erkennen, vor allem anzunehmen und mit den Langzeitfolgen zu leben. Würden Sie insbesondere diesen Menschen etwas mit auf den Weg geben wollen?

Mir wäre es sehr wichtig, dass wirklich jeder (wieder) lernt auf seinen Körper zu hören und mit ihm gut umzugehen. Ich wurde zum Beispiel gefragt, wie lange jemand nach einer Akutinfektion auf sich aufpassen sollte. Da musste ich kurz überlegen und habe geantwortet: Es wäre doch schön, wenn wir immer auf und unseren Körper aufpassen würden. Möglicherweise ist dies eine Möglichkeit, um mit seinem Körper in Einklang zu kommen. Das haben wir alle verlernt.

Buchcover LongCovid von Dr. Jördis Frommhold

Long Covid von Dr. med. Jördis Frommhold ist im März 2022 im C. H. Beck Verlag erschienen und u.a. hier* erhältlich.

(c) Verlag C. H. Beck

 

 

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