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Wenn das Altenheim keine Option ist – Wie wir der älteren Generation respektvoll helfen können

Es ist immer hart, unsere Eltern oder Großeltern altern zu sehen. Die Liste an Beschwerden und Problemen wird langsam immer länger, während die Möglichkeiten, sich voll und ganz auszuleben, immer geringer werden. Die Selbstständigkeit nimmt zunehmend ab, Unfälle werden häufiger und zu den körperlichen Einschränkungen kommt häufig noch eine mentale Belastung hinzu, wenn sie sich nicht eingestehen möchten, dass sie Hilfe brauchen oder genau wissen, dass sie ihr Umfeld belasten.

Das Problem mit Alten- und Pflegeheimen

Heutzutage ist es üblich, die Betroffenen in ein Pflege- oder Altenheim zu geben, wenn der Alltag zu schwer zum Bewältigen wird oder die Herausforderungen zu groß. Allerdings ist dies oft eine Lösung, mit der niemand wirklich glücklich ist.

Viele Pflege- und Altenheime haben keinen guten Ruf, der Pflegermangel ist schon lange ein Problem und auch mental kann die Aufgabe der gewohnten Lebensumstände für die ältere Generation weitreichende Folgen haben. Gerade jetzt während der Pandemie kamen für viele noch weitere Sorgen hinzu, da sich das Virus in den Institutionen oft schnell ausgebreitet hat und durch die entsprechenden Maßnahmen Besuche plötzlich unmöglich wurden. Auch der finanzielle Aspekt eines Heims kann für Angehörige eine Herausforderung darstellen.

Nichtsdestotrotz ist es auf den ersten Blick oft die einfachste oder sogar einzige Option, vor allem wenn die Angehörigen weit weg wohnen oder durch Beruf und andere Verpflichtungen zeitlich sehr eingespannt sind oder der medizinische Bedarf zu hoch ist. In einigen Fällen ist dies die beste Lösungen. Doch es gibt durchaus Alternativen, die in Betracht gezogen werden können.

Pflege durch Angehörige

Eine Option, welche häufig sofort ausgeschlagen wird, ist die Pflege durch Angehörige. Die Gründe für die Abneigung sind vielfältig. Teilweise ist es schlichtweg die Leistungsgesellschaft, nach deren Ansicht unsere Karriere unsere höchste Priorität sein sollte und es daher schwierig ist, Arbeitszeit zu reduzieren oder für eine gewisse Zeit auszusetzen.

Hinzu kommen Vorurteile und Ängste, dass die Pflege immer bedeutet, man müsse ohne Pause an ihrer Seite sein und das gesamte restliche Leben aufgeben.

Ängste zu haben ist normal und unvorbereitet sollte an solche Situationen nicht herangegangen werden, da es je nach den individuellen Bedürfnissen der Älteren auch ein wenig Fachwissen bedarf, um eine Pflege überhaupt möglich zu machen.

Dennoch ist es möglich und in vielen Fällen eine gute Lösung. Je nach Gesundheitszustand bedeutet die Pflege auch lediglich, Zeit zusammen zu verbringen und die Belastung des Alltags durch das Erledigen von Einkäufen oder ähnlichem zu erleichtern. Sind Kinder im Haus, können diese auch von der gesamten Familie betreut und erzogen werden oder, sofern sie alt genug sind, bei der Pflege der Älteren mithelfen.

Wer sich dafür entscheidet, sich selbst um die ältere Verwandtschaft zu kümmern, spart sich zudem das Geld für das Heim und erhält finanzielle Unterstützung vom Staat und Organisationen.

24-Stunden-Service

Viele Senioren wünschen sich verständlicherweise, bis zuletzt in ihren eigenen vier Wänden wohnen zu können. Oft hat das eigene Zuhause einen emotionalen Wert, der nur schwer aufgewogen werden kann, und steckt voller Erinnerungen und der Arbeit und Liebe eines ganzes Lebens. Wird Ihnen dieser Wunsch erfüllt, profitiert oft auch die mentale Gesundheit dauerhaft von dem vertrauten und komfortablen Umfeld.

Ist das eigene Heim ein Option, aber Angehörige können oder möchten die Pflege nicht übernehmen, bietet sich eine sogenannter „24-Stunden-Pflege“ an.

Dieses Betreuungskonzept wird von Vermittlungsagenturen angeboten oder kann selbstständig organisiert werden und ermöglicht den individuellen Bedürfnissen und Wünschen angepasste Lösungen rund um die Uhr. Dabei zieht eine Betreuungsperson in den Haushalt der pflegebedürftigen Person ein und übernimmt verschiedene Aufgaben rund um die Betreuung und Versorgung.

Als neues Mitglied im Haushalt ist sie nicht nur ständiger Ansprechpartner und ein wichtiger, täglicher sozialer Kontakt, sondern kümmert sich auch um Unterstützung bei der Körperhygiene, Haushalt, Nahrungsaufnahme bis hin zur Tagesgestaltung. Teilweise übernehmen Pflege- und Krankenkassen auch Teile der Kosten.

Tagespflege

Ist die Pflege nicht ununterbrochen nötig oder möchte man sich als Angehöriger selbst um die ältere Verwandtschaft kümmern, muss aber nach wie vor tagsüber Verpflichtungen wie dem Beruf nachkommen, kann auch tagesstationäre Pflege eine Option sein. Bei der Tagespflege werden Pflegebedürftige stunden- oder tageweise in einer entsprechenden Einrichtung betreut und kehren abends wieder nach Hause zurück. So erhalten die Senioren die nötige Pflege und fachkundliche Betreuung, ohne dass ein Umzug von Nöten ist.

Seniorenresidenz

Wenn ein Alten- oder Pflegeheim unausweichlich scheint, sollte man sich nicht nur über die verschiedenen Optionen in diesem Bereich informieren, sondern auch über den Tellerrand hinaus schauen und etwa einen Seniorenstift oder eine Seniorenresidenz in Betracht ziehen. Hierbei handelt es sich um Einrichtungen, deren Ausstattung über den Standards für Pflegeheime liegen. Meist sind es private Einrichtungen, deren Wohnsituation einem Hotelaufenthalt nahe kommt.

Häufig stehen den Bewohnern auch kleine Apartments zur Verfügung und die Anlagen verfügen über Schwimmbäder, Saunen oder Bibliotheken, was die Aktivität und den Wohlfühlfaktor der Senioren steigert. Es entsteht eine Atmosphäre der Selbstständigkeit, obwohl auch die Pflegeangebote vorhanden sind, ähnlich wie bei einem Reha- oder Kuraufenthalt.

Senioren-WG und Pflegewohngruppe

Wohngemeinschaften, kurz WGs, sind nicht nur etwas für Studenten, sondern können auch für Senioren interessant sein. So können sich mehrere ältere Menschen zu einer Senioren-Wohngemeinschaft zusammentun. Natürlich müssen dafür entsprechende Umstände gegeben sein, wie die Bereitschaft mit anderen zusammen zu leben und Kompromisse einzugehen.

In der WG leben die Beteiligten in ihren eigenen Zimmern, aber Räume wie Wohnzimmer oder Küche werden, wie in einer klassischen WG, gemeinschaftlich von allen genutzt. Dabei sollen die Bewohner sich auch an allen alltäglichen Aufgaben, wie Putzen und Kochen, beteiligen, damit ihre vorhandenen Fähigkeiten weiterhin gefördert werden.

Eine WG kann mehrere Vorteile haben. So haben die Senioren ein gefestigtes soziales Umfeld und können sich gegenseitig unterstützen, bewahren aber dennoch ihre Unabhängigkeit.

Eine pflegende Präsenzkraft gibt es in einer Senioren-WG nicht, es kann aber ambulante Pflege eingeholt werden, deren Kosten dann auch unter den Einwohnern geteilt werden können. Wird eine Präsenzkraft notwendig, kann die WG auch in eine Pflegewohngruppe abgewandelt werden, in welcher die Bewohner rund um die Uhr betreut werden.

Bereits frühzeitig Vorkehrungen treffen

Es ist nie angenehm, Gespräche über das Altern zu führen, vor allem wenn dies konstante Pflege oder die Aufgabe des eigenen Heims und der gewohnten Lebensgewohnheiten einschließt. Dennoch sind solche Gespräche wichtig und zwar bereits frühzeitig. So können Wünsche geäußert und Kompromisse gefunden werden, bevor die Dringlichkeit oder ein verschlechterter Gesundheitszustand dies verhindern. Zudem gibt es einem Vorlaufzeit, sich vorab und ausgiebig zu informieren und die besten Optionen abzuwägen und genauer in Augenschein zu nehmen. 

Auch können Wohnungen oder Häuser entsprechend angepasst werden, dass sie zum Beispiel rollstuhlgerecht gestaltet sind, ein einfaches Betreten vom Duschen oder Badewannen möglich wird, Treppen geringere Hindernisse darstellen oder ein Raum für eine Pflegekraft geschaffen wird. Es ist auch eine Idee, gemeinsam über Anschaffungen wie die eines Elektromobils nachzudenken oder frühzeitig über verschiedene Optionen der Mobilität zu sprechen, falls der eigene Führerschein eines Tages nicht mehr von Nutzen sein sollte.

Wenn Senioren-WGs, Tagespflege oder die Pflege durch Angehörige die Wunschoptionen sind, sollte auch frühzeitig ein Umzug besprochen und veranlasst werden, so dass die geographische Differenz zwischen Familienangehörigen verringert wird und es eine schrittweise Anpassung an die neue Lebenssituation gibt. Natürlich macht es ebenfalls Sinn, sich weit im Voraus über die Finanzierung der verschiedenen Optionen Gedanken zu machen, so dass im Fall der Fälle alle Seiten bestens informiert sind und es bestenfalls auch Sparreserven gibt, auf die zurückgegriffen werden kann.

Die junge Generation trifft auf Senioren

Egal welche Betreuungsart am Ende ausgewählt wird, ist es wichtig, dass Senioren aktiv und vor allem auch in sozialem Kontakt mit anderen bleiben. Dazu gehören nicht nur regelmäßiger Kontakt mit Familienangehörigen und dem Pflegepersonal, sondern auch neue Kontakte. Die Senioren-WGs oder Pflegewohnheime bieten diese Option bereits, es gibt jedoch auch noch weitere Möglichkeiten, das zu gewährleisten.

Verschiedene Organisationen wie Tante Inge, Schüler helfen Senioren oder andere Besuchsdienste in Altenheimen stellen den Kontakt zwischen Alt und Jung her. Diese Begegnungen sind für beide Seiten äußerst wertvoll.

Senioren können bei diesen Interaktionen nicht nur mehr über die Jugend lernen und freuen sich über Gesprächspartner, sondern bieten vor allem den Kindern und jungen Erwachsenen viel. Sie sind lebendige Geschichte, erweitern den Horizont der jungen Generation, fördern Sozialkompetenzen und können ihnen Dinge erzählen und beibringen, die in unserer schnelllebigen und technologischen Gesellschaft schon beinahe verloren gegangen sind.

Die Geschichten, die Senioren über ihr Leben oder die Entwicklung der Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten zu erzählen haben, begeistert junge Menschen deutlich mehr als die Geschichtsbücher aus dem Unterricht und machen es ihnen leichter, Empathie gegenüber Menschen mit anderen Hintergründen aufzubringen. Sie können dort außerdem lernen, wie man Socken stopft, einen Drachen baut, Karten spielt oder Pflanzen bestimmt. Die Fähigkeiten von Senioren werden häufig unterschätzt oder ignoriert, obwohl sie sehr wertvoll sind.

Zudem bringt die ältere Generation zu diesen Treffen auch viel Neugierde, Geduld und Zeit mit. Junge Menschen fühlen sich im Alltag oft einsam oder nicht verstanden, die Eltern sind häufig beruflich im Stress oder vor allem in der Zeit der Pubertät des Kindes nicht unbedingt die beliebtesten Ansprechpartner. Die Senioren haben ein offenes Ohr und freuen sich auf die gemeinsame Zeit, in der sie nicht nur selbst erzählen, sondern auch einfach mal nur zuhören.

Wer sich entscheidet, pflegebedürftige Angehörige selbst zu betreuen, sollte deshalb auch keine Sorgen haben, wenn Kinder im Haus sind. Noch vor wenigen Jahrzehnten war es vollkommen normal, dass drei Generationen unter einem Dach lebten und sich gegenseitig unterstützten. So können außerordentlich tiefe und wertvolle Verbindungen zwischen Großeltern und Enkeln entstehen, die auf gegenseitiger Fürsorge, Respekt und Zuneigung basiert und beiden Seiten stets etwas Neues beibringt. Sind die Kinder noch sehr jung, können die Großeltern auch bei der Betreuung und Erziehung helfen. Wenn die Kinder bereits älter sind, können sie bei der Pflege der Älteren unterstützen.

Respektvoller Umgang

In Deutschland nimmt der Respekt vor älteren Menschen immer weiter ab. Dies hat verschiedene Ursachen, ist allerdings – wie jede Art der Respektlosigkeit – außerordentlich problematisch. Das alltägliche Leben und unsere gesellschaftlichen Normen haben sich in den letzten Jahrzehnten drastisch geändert.

Dennoch sollten wir versuchen, älteren Menschen, egal ob wir mit ihnen verwandt sind oder nicht, immer Respekt zu zollen. Sie haben viel erlebt und einen ungeheuren Schatz an Wissen und Erfahrungen in Gepäck. Ohne sie gäbe es uns nicht und es gibt immer noch viel, was wir von ihnen lernen können, vor allem im Alter.

Es ist nicht immer einfach, Unterschiede zwischen den Generationen zu überwinden oder – vor allem in der eigenen Familie – Fehltritte in der Beziehung zu verzeihen. Dennoch sollten wir trotzdem immer versuchen, respektvoll miteinander umzugehen und ihre Wünsche und Bedürfnisse zu erfüllen. Nicht nur aus Dankbarkeit ihnen gegenüber, sondern auch weil wir der nächsten Generation ein bestimmtes Verhalten vorleben. Wir alle möchten auch im hohen Alter gut behandelt werden. Leben wir es also jetzt schon tagtäglich in unserem Umgang mit älteren Menschen und Angehörigen vor.