Schon gewusst?

Warum wir so tief Luft holen: Fakten zum Gähnen

Katzen und Hunde tun es, Pferde und Fische auch, genau wie Menschen – groß, klein und aus aller Herren Länder: Wir gähnen. Und das meist mehr als achtmal am Tag. Aber warum bloß? Vor lauter Langeweile, Müdigkeit oder Hitze?

Gähnen ist ein Quasi-Reflex (quasi, weil ein konkreter Reiz fehlt), der als Zeichen für Müdigkeit und Langeweile gilt und im Schnitt sechs Sekunden dauert. Menschen atmen in ihrem Leben rund 290.000 Mal so: Sie reißen beherzt den Mund auf, kneifen die Augen zusammen und holen unter Strecken und Recken tief Luft.

Obwohl es so alltäglich ist, ranken sich jede Menge Mythen ums Gähnen. Es ist eine Wissenschaft für sich. Wirklich. Sie heißt Chasmologie. Auf dem Gebiet haben es sich Mediziner, Psychologen, Primatologen und Neurowissenschaftler seit etwa 30 Jahren zur Aufgabe gemacht, dieses reflexartige Verhalten zu enträtseln, das Menschen und Tiere eint. Bis heute gibt es keine abschließende Antwort auf die Frage, wozu Gähnen eigentlich gut ist. Aber eine Reihe von Ansätzen …

Weil wir Sauerstoff brauchen?

Der tiefe Atemzug ist die Methode des Körpers, einen Mangel an Sauerstoff auszugleichen – so die Theorie, die in aller Munde ist, obwohl Forscher sie schon vor Jahren mit einem Experiment entkräfteten: Testpersonen, die mehr oder weniger Sauerstoff atmeten, gähnten danach genauso viel oder wenig wie zuvor.

Noch ein Hinweis dafür, dass die Sauerstoff-Begründung hinkt, ist: Auch Fische im Wasser und Föten im Mutterleib (umgeben von Fruchtwasser) gähnen, obwohl kein Sauerstoff da ist, den sie einatmen könnten.

Wir gähnen, weil wir müde sind …

… also macht es uns wach? Dass Menschen gähnen, wenn sie sich nach Schlaf sehnen, liegt nahe. Denn: Am häufigsten passiert es kurz nachdem wir das Bett morgens verlassen und bevor wir uns abends in dasselbe kuscheln. Gähnen kann also tatsächlich als Zeichen für Müdigkeit gelten.

Munter macht es uns deswegen noch lange nicht. Ein Schweizer Neurologe beobachtete die Gehirnaktivität von Probanden, die tatenlos in einem dunklen Raum saßen. Ihnen war langweilig und sie gähnten tatsächlich häufig. Was bei den Messungen der Hirnströme auffiel: Nach dem Gähnen waren alle genauso müde wie zuvor. Heißt also: Ja, wir gähnen, wenn wir müde sind. Nicht aber, weil es uns aufweckt.

Weil unsere Gehirne überhitzen?

Die neueste Vermutung aus der Gähnforschung: Wir tun es, um einen kühlen Kopf zu bewahren. Andrew und Gordon G. Gallup von der State University of New York haben in mehreren Studien Hinweise dafür gefunden, dass Gähnen die Temperatur unseres Gehirns reguliert.

Ist es besonders warm – zu heiß für unser Hirn – verschafft das Luftholen Abkühlung, die optimales Weiterdenken garantiert. Demnach wäre Gähnen kein Ausdruck für Langeweile, sondern sogar ein Mechanismus, mit dessen Hilfe Aufmerksamkeit gesichert wird. Aber auch diese Theorie gilt nicht als erwiesen.

Weil uns langweilig ist?

Anlässe fürs ausschweifende Einatmen gibt es viele. Schlafmangel und monotone Arbeiten zählen zu den populärsten. Deshalb hat sich diese Gleichung gedanklich festgeklopft: Wer gähnt, ist müde und gelangweilt. Dabei ist dieses Bild schlicht zu einseitig. Gähnen erwischt uns nämlich auch in Situationen enormer Anspannung. Es gibt Berichte von regelrechten Attacken vor Prüfungen, Auftritten und Wettkämpfen. Fallschirmspringer erzählen zum Beispiel von bis zu 15 Gähnern in den letzten Sekunden vor ihren ersten Sprüngen. Übrigens: Auch bei Hunden gilt Gähnen als Zeichen für innere Unruhe.

Aufgrund dieser Beobachtungen glauben einige Wissenschaftler an eine Verbindung zwischen Gähnen und Stress. Wie sie zustande kommt und warum es sie gibt, ist unklar und muss noch erforscht werden. Aber ein guter Gähner scheint Erregung, also Nervosität und Ängste zu mindern und damit zu entspannen.

Auch Katzen stecken sich zum Gähnen an. Und Hunde gähnen mit, wenn es das Herrchen tut

Katzen stecken sich gegenseitig an & Hunde gähnen, wenn es das Herrchen tut. (c) Colourbox

Achtung: Ansteckend!

Dieser Artikel ist zum Gähnen? Gut möglich. Es ist nämlich so, dass dieses tiefe, hemmungslose Einatmen ansteckt. Hochgradig sogar. Allein der Gedanke daran – also selbst das Lesen dieser Zeilen – genügt, den Impuls zum Mundaufreißen auszulösen.

Macht es einer, machen es alle – dafür muss die Person nicht einmal physisch anwesend sein. Auch Videos, Fotos, Geräusche oder das Wort selbst setzen den Mechanismus in Gang. Mitverantwortlich dafür sind sogenannte Spiegelneurone – Nervenzellen im Gehirn, die zum Nachmachen animieren. Sie gelten als Grundlage jeglicher Lernprozesse.

Forscher halten Gähnen außerdem für eine Art sozialer Interaktion. Über das gemeinsame große Luftholen synchronisieren sich Gruppen und beweisen Zusammenhalt. Und es dient der nonverbalen, unbewussten Kommunikation, vermittelt mit nur einer ungewollten Geste Botschaften wie: „Dieser Vortrag ist total einschläfernd“ oder „Liebe Gäste, es ist Zeit, zu gehen“.

Wer mitgähnt, zeigt Mitgefühl. Gähnen und Empathie hängen eng zusammen. Menschen, die sich gut in andere hineinversetzen können, lassen sich leicht anstecken. Und umgekehrt. Eine Studie von 2007 hat gezeigt, dass autistische Kinder nicht mitmachen. Auch Menschen mit psychopathischen Störungen regen sich nicht, wenn ihr Gegenüber gähnt.

Wenn’s mal nicht passt

In Bewerbungsgesprächen, Meetings oder Vorträgen zu gähnen, ist unangenehm, weil es einfach so gelangweilt aussieht. Ein kleiner Trick soll beim Unterdrücken des Drangs helfen: Mund zu und tief durch die Nase ein- und ausatmen, ersetzt den Gähnprozess. Oder die Stirn kühlen – aber das hinterlässt vermutlich auch keinen guten Eindruck.