Kopf & Psyche

Trichotillomanie: Zwanghaftes Haareausreißen

Es ist zum Haare raufen! – Ein Impuls, der dazu anregt, uns an den Haaren zu ziehen, wenn wir uns ärgern. Manche Menschen können dieses Verlangen nicht unterdrücken und reißen sich die Haare tatsächlich aus. Sie haben eine Trichotillomanie.

Die Trichotillomanie (TTM) ist eine psychische Störung der Impulskontrolle. Sie führt dazu, dass die Betroffenen sich die Haare herausreißen, um innere Spannungen abzubauen: Durch das Haarezupfen empfinden sie ein Gefühl der Entspannung.

Das amerikanische Klassifikationssystem der Psychiatrie (DSM) teilt die Trichotillomanie den Zwangsstörungen zu, ebenso wie beispielsweise das zwanghafte Horten von Gegenständen. Der Name kommt von den griechischen Wörtern für Haare, Rausrupfen und Wahnsinn. Die Krankheit ist seit Ende des 19. Jahrhunderts bekannt, wurde aber erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts als solche anerkannt. Vorher waren Psychiater lange Zeit der Meinung, es handele sich lediglich um schlechtes Benehmen.

Was löst die Trichotillomanie aus?

Die Gründe für diese Krankheit sind sehr vielfältig. Manchmal kann sie durch Angst oder ein psychisches Trauma, wie Missbrauch oder Verlust eines geliebten Menschen, ausgelöst werden, meistens jedoch sind die Gründe wesentlich weniger offensichtlich.

Durch die Verminderung des Selbstwertgefühls der Betroffenen können gelegentliche familiäre Konflikte oder Mobbing am Arbeitsplatz die Krankheit zum Ausbruch bringen lassen. Dabei sind vor allem solche Personen betroffen, die weniger stressresistent sind, und mit hohem psychischen Stress konfrontiert sind. Die psychiatrische Fachwelt hat darüber hinaus bestimmte genetische Faktoren bestimmen können, die das Verhalten auslösen könnten.

> Resilienz: Was die Psyche stark macht

Nicht Wut, sondern Angst und Stress können die Impulsstörung begünstigen.

Vor allem Angst und Stress können die Impulsstörung auslösen. (c) anetlanda/Fotolia

Was sind die Symptome?

Wie der Name vermuten lässt, ist das Hauptsymptom das Ausreißen der Kopfhaare. Dabei werden diese aber nicht nur ausgerissen, sondern auch genau untersucht. Manche Menschen werfen sie danach weg, andere wiederum nutzen sie als eine Art “Zahnseide” oder essen sie auf (Trichophagie).

Durch das Ausreißen der Haare entstehen kahle Stellen am Kopf. An diesen Stellen lassen sich neue Haare unterschiedlicher Länge finden. Einige Betroffene fühlen sich durch einseitiges Ausreißen in ihrem Aussehen gestört und rupfen dann zur Wahrung der Symmetrie die Haare der anderen Seite auch aus.

Die Schmerzen, die durch das Ausreißen entstehen, werden von den Kranken nicht wahrgenommen oder eher als angenehm empfunden. Interessanterweise empfinden sie aber Schmerz an anderen Körperstellen ganz normal. Sehr häufig kommt es zu gleichzeitigen psychischen Erkrankungen wie Angststörungen und Depressionen.

> Depression: Kennzeichen der Krankheit erkennen

Was sind die Folgen des impulsiven Ausreißens?

Das Ausreißen kann die Kopfhaut irritieren und zu Hautproblemen führen. Die Mitmenschen reagieren häufig mit Unverständnis auf das Haareausreißen, wodurch sich Betroffene sozial ausgegrenzt fühlen können. Eine Komplikation kann dagegen sogar lebensgefährlich werden: Diese betrifft aber nur diejenigen, die ihre ausgerissenen Haare aufessen. Denn durch das Essen kann sich ein sogenannter Bezoar (Haarknäuel) bilden, der den Magen-Darm-Trakt verstopfen kann.

> Skin-Picking-Disorder: Zwanghaftes Kratzen

Wie kann man die Impulsstörung behandeln?

Die Behandlung richtet sich vor allem nach dem Ausmaß der Störung. Wenn sie nur wenig ausgeprägt ist und der Patient es nicht als Problem sieht, kann auch abgewartet werden. Insbesondere bei Kindern vor dem 6. Geburtstag hört die Störung meistens von selbst wieder auf.

Verhaltenstherapiestrategien wie das sogenannte Habit-Reversal-Training können bei der Erkrankung zielführend sein. Zunächst können aber auch weniger aufwendige Therapiestrategien verfolgt werden, wie Entspannungstechniken und allgemeine Stressreduktion.

> Endlich entspannt: Tipps gegen Stress

Insbesondere bei Begleiterkrankungen sollte der Arzt frühzeitig mit der Gabe von Antidepressiva beginnen. Bei Angststörungen kann auch über angstlösende Medikamente nachgedacht werden. Es gibt darüber hinaus auch neuere medikamentöse Therapien, wie etwa mit Serotonin-Wiederaufnahmehemmern oder Impuls-unterdrückendem N-Acetylcystein.

Leiden die Erkrankten?

Im Gegensatz zu vielen Zwangsstörungen sind sich die Betroffenen ihrer Handlungen bei der Trichotillomanie oft nicht bewusst, empfinden diese deshalb auch nicht als unangenehm oder störend. Nur wenige verspüren den unbedingten Drang, an den Haaren zu reißen, sondern rupfen eher zur Ablenkung. Das führte in der Vergangenheit auch zu der Fehlannahme, dass es sich nicht um eine Krankheit handelt. Insgesamt verschwindet die Störung bei den meisten Betroffenen nach einigen Jahren von selbst wieder. Dennoch sollten Betroffene einen Arzt aufsuchen.

> Das Pica-Snydrom