Kopf & Psyche

Migräne: Welche Rolle spielt die Ernährung?

Kann ein Glas Rotwein, ein Stück Käse oder etwas Schokolade Migräne auslösen? Viele Betroffene sind sich sicher. Wissenschaftlich belegt ist ein Zusammenhang jedoch nicht. Trotzdem gibt es durchaus Möglichkeiten, mit der richtigen Ernährungsweise Beschwerden zu lindern.  

18 Millionen Deutsche leiden an Migräne, Frauen sind häufiger betroffen als Männer. An den genauen Ursachen forscht man seit Jahrzehnten. Ebenso daran, was man vorbeugend gegen Anfälle tun kann. Sport ist nachweislich effektiv. Aber wie sieht es mit einer speziellen Diät aus?

Was ist Migräne eigentlich?

Bei der Migräne handelt es sich um primäre Kopfschmerzen: Sie entstehen nicht infolge einer anderen Erkrankung, etwa eines Schlaganfalls oder aufgrund von Kieferproblemen. Die Migräne selbst ist die Erkrankung. Die Veranlagung dazu tragen Betroffene bereits in den Genen. Als mögliche Ursache gilt eine Erkrankung des Gehirns infolge eines Gendefekts. Auch eine Entzündung kommt in Betracht. Die Erforschung der Migräne ist jedoch längst nicht abgeschlossen.
Sicher ist jedoch: Bei Betroffenen sind die Nervenzellen im Hirnstamm verstärkt aktiv. Ihr Gehirn reagiert daher viel intensiver auf Reize von außen. Es steht ständig unter Hochspannung und kann Reize nicht so gut filtern wie das Gehirn eines gesunden Menschen.
Die klassischen Migräne-Kopfschmerzen sind einseitig und meistens stechend oder pulsierend. Häufig geht dem Schmerz eine Aura voraus. Typische Begleitsymptome sind Übelkeit, Lärm- und Lichtempfindlichkeit.

Es ist nicht möglich, Migräne-Anfälle komplett zu verhindern. Man kann aber ihre Häufigkeit und Intensität verringern. Nämlich indem man sogenannten „Triggern“ vorbeugt, die einen Anfall begünstigen. Nachweislich wirkungsvolle Methoden sind Ausdauersport und Progressive Muskelentspannung. Beide helfen dabei, Stress abzubauen – den wohl größten „Trigger“ für Migräne. Und wie sieht es mit einer vorbeugenden Ernährungsweise aus?

Eine spezielle Migräne-Diät gibt es nicht

Ein Migräne-Anfall kann bis zu vier Tage vor dem typischen Kopfschmerz einsetzen. Der Heißhunger auf Süßes, von dem viele Betroffene berichten, ist daher nach neueren Erkenntnissen nicht der Auslöser, sondern ein Zeichen dafür, dass die Attacke bereits begonnen hat: Die Nervenzellen verlangen nach Energie, um den Schmerz doch noch irgendwie aufzuhalten.

Im Gehirn von Migränepatienten scheint also ein erhöhter Energiebedarf zu sein. Gesünder als ein Notfall-Schokoladen-Boost wäre theoretisch eine Ernährung mit komplexen Kohlenhydraten. Diese stecken u.a. in Kartoffeln, Obst, Gemüse und Vollkornprodukten. Ärzte gehen jedoch nicht davon aus, dass eine kohlenhydratreiche Ernährung Migräne heilt oder die Häufigkeit und Symptome von Anfällen vermindert.

Wichtig ist nicht, was Betroffene essen, sondern wie sie essen.

Migräne: Schmerzen in einer Kopfhälfte.

Migräne-Kopfschmerzen sind in der Regel einseitig hinter dem Auge.  (c) Colourbox

Migräne-Patienten sollten regelmäßig essen

Wer an Migräne leidet, sollte in allen Lebensbereichen darauf achten, dass keine Schwankungen entstehen. Zum Beispiel löst Stress nicht per se eine Attacke aus. Ausschlaggebend ist auch nicht sein Pegel, sondern das Tempo, in dem er auftritt oder abfällt. Steigt der Pegel schnell von 0 auf 100, kann das eine Attacke auslösen. Das Gleiche gilt aber auch, wenn er von 100 auf 0 fällt. Ein veränderter Schlaf-Wach-Rhythmus sowie hormonelle Schwankungen können ebenfalls Anfälle begünstigen. Und auch wer unregelmäßig isst oder ganze Mahlzeiten auslässt, begünstigt Attacken. Vom Fasten oder von Low-Carb-Diäten lassen Betroffene besser die Finger.

> Was ist das Alice-im-Wunderland-Syndrom?

Mythen rund um Migräne und Ernährung

Abgesehen von Schokolade: Wie sieht es mit anderen Lebensmitteln aus, die als Verursacher von Migräne in Verruf geraten sind? So gilt beispielsweise der Botenstoff Histamin als typischer Trigger. Er ist unter anderem in gereiftem Käse, Zitrusfrüchten, Rotwein, Schokolade, Bier, geräuchertem Fleisch, Tomaten, Erdbeeren, Avocados und Meeresfrüchten enthalten. Einige Betroffene geben an, von Glutamat Migräne zu bekommen. In beiden Fällen liegen jedoch höchstwahrscheinlich keine primären, sondern sekundäre Kopfschmerzen infolge einer Histaminallergie oder Nahrungsmittelunverträglichkeit vor.

Dasselbe gilt für einen Brummschädel nach dem Genuss süßlicher Weine und Liköre. Häufig handelt es sich bei Kopfschmerzen dieser Art aber auch um einen Nocebo-Effekt. Das haben etwa Versuche mit Rotwein ergeben: Die Testpersonen erwarteten demnach Kopfschmerzen und haben sie wohl nur deswegen auch bekommen.

Sonderfall Kaffee: Bei manchen Migränepatienten werden die Anfälle durch Koffein häufiger und stärker, bei anderen dagegen kann Kaffee eine beginnende Attacke noch abfangen oder abmildern. Viele schwören auf Espresso mit Zucker, manche zusätzlich auf einen Schuss Zitrone. Auch für diesen positiven Effekt gibt es allerdings keine wissenschaftlichen Nachweise.

Auf den eigenen Kopf und Körper hören

Studien und Expertenmeinungen schön und gut: Ihren Körper kennen trotz allem Sie selbst am besten, und deshalb sollten Sie auch auf ihn hören. Gerade bei einer Erkrankung wie Migräne, deren bisherige Erforschung noch viele Fragen offen lässt. Jeder Patient hat eine andere Anfall-Häufigkeit, einen anderen Verlauf sowie individuelle Symptome und „Trigger“. Wenn Sie das Gefühl haben, Ihre Beschwerden durch den Verzicht auf bestimmte Lebensmittel lindern zu können, dann tun Sie das. Immerhin berichten etwa 20 Prozent der Migränepatienten von einem Zusammenhang zwischen einem speziellen Nahrungsmittel und einer Attacke.

Am besten führen Sie ein Zeit lang ein Migräne-Tagebuch. Dadurch bekommen Sie einen Überblick darüber, wie häufig Ihre Attacken sind, aber auch, ob bestimmte äußere Umstände oder Nahrungsmittel dazu geführt haben könnten. Aber fixieren Sie sich nicht zu sehr darauf, alles zu beobachten und als möglichen Auslöser zu verdächtigen. Denn auch das bedeutet Stress und unnötige Panik.