Krankheiten & Therapien

Seelentaubheit: Wenn Worte ihre Bedeutung verlieren

Menschen, die an Seelentaubheit leiden, können Sprache oder Geräusche zwar wahrnehmen, deren Bedeutung aber nicht erkennen. Schuld ist in der Regel eine Schädigung des Gehirns. Erfahren Sie mehr über die Ursachen, Symptome und die Therapie der Seelentaubheit.

Was ist Seelentaubheit?
Was sind die Ursachen der Seelentaubheit?
Was sind die Symptome einer Seelentaubheit?
Wie erkennt der Arzt Seelentaubheit?
Wie wird eine Seelentaubheit behandelt?
Wie kann ich vorbeugen?
Wie sind die Heilungschancen bei Seelentaubheit?

Was ist Seelentaubheit?

Bei einer Seelentaubheit handelt es sich laut Definition um eine seltene neuropsychologische Störung, bei der das Gehirn akustische Sinneseindrücke nicht richtig deuten kann. Das heißt, die Betroffenen können Wörter und Geräusche zwar mit den Ohren wahrnehmen, aber sie verstehen sie nicht. Das Gehör ist intakt, es handelt sich daher nicht um eine Taubheit im eigentlichen Sinn. Auch die Intelligenz der Patienten ist nicht eingeschränkt, es liegt keine Demenz oder geistige Behinderung vor.

Die Ursache für diese Störung liegt in einer fehlerhaften Reizverarbeitung im Gehirn. Weitere Bezeichnungen für die Seelentaubheit sind Rindentaubheit sowie Phonagnosie, auditive oder akustische Agnosie. Sie gehört zu den auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen, kurz AVWS. Das Wort “Agnosie” kommt aus dem Altgriechischen, setzt sich zusammen aus A- und Gnosie und bedeutet in etwa “Nicht-Erkenntnis”. In der Medizin und in der Psychologie bezeichnet man mit diesem Fachbegriff das Unvermögen eines Menschen, trotz funktionstüchtiger Sinnesorgane bestimmte Wahrnehmungen als solche zu erkennen.

Neben der Seelentaubheit gibt es noch weitere Formen der Agnosie, etwa die assoziative Agnosie, bei der die Betroffenen zwar einzelne Elemente visuell wahrnehmen, diese aber kognitiv nicht zu einem großen Ganzen zusammensetzen können. Bei vorliegender taktiler Agnosie ist der Tastsinn zwar in Ordnung, dennoch können die Patienten durch Abtasten oder Anfassen Materialien und Gegenstände nicht identifizieren. Auch in der Philosophie ist der Begriff Agnosie gebräuchlich, hat hier aber eine andere Bedeutung und bezeichnet die generelle Unkenntnis bzw. Unwissenheit des Menschen.

Seelentaubheit hat nichts mit Gehörlosigkeit zu tun. (c) Photographee.eu / Adobe Stock

Was sind die Ursachen der Seelentaubheit?

Seelentaubheit ist meist die Folge einer ernsthaften Erkrankung oder eines Unfalls. Denn die gestörte Informationsverarbeitung beruht in vielen Fällen auf einer Hirnschädigung, bei welcher der Hörcortex, der in den beiden hinteren Schläfenlappen liegt, in Mitleidenschaft gezogen wurde. Dies kann zum Beispiel bei einem Schlaganfall oder bei einer Hirnblutung geschehen. Aber auch ein Hirntumor, eine Hirnhautentzündung, eine Operation oder schwere psychische Probleme können eine Seelentaubheit hervorrufen.

Inzwischen weiß man allerdings, dass die Seelentaubheit auch angeboren sein kann. Je nachdem, welche Gehirnregionen von der Verletzung betroffen sind, werden verschiedene Formen der Störung unterschieden:

Menschen mit generalisierter auditiver Agnosie können gesprochenen Wörtern keinen Sinn zuordnen, sind aber selbst in der Lage zu sprechen. Patienten mit Geräuschagnosie haben Probleme, alltägliche Umweltgeräusche wie Autos, Flugzeuge oder Musik zuzuordnen. Auch sie können meist ohne Beeinträchtigung sprechen, lesen und schreiben.

Liegt eine affektive auditive Agnosie vor, kann der Betroffene zwar den Inhalt der artikulierten Laute erfassen, daraus aber keine Rückschlüsse auf das Geschlecht, das Alter oder die Gefühlslage des Sprechers ziehen.

Was sind die Symptome einer Seelentaubheit?

Bei Kindern äußert sich die Seelentaubheit häufig durch Probleme beim Spracherwerb, es kommt zu Stottern, Stammeln oder Poltern. Kinder, die an auditiver Agnosie leiden, erlernen das Sprechen nur langsam oder gar nicht, da sie den Sinn des gesprochenen Wortes nicht entschlüsseln können. Darüber hinaus zeigen sich betroffene Kinder oft hyperaktiv, kontaktscheu oder sie fallen durch mangelnde Aufmerksamkeit auf.

Insbesondere bei jungen Patienten kommt es immer wieder zu Fehldiagnosen, da die Seelentaubheit leicht mit Schwerhörigkeit, Taubheit oder einer geistigen Beeinträchtigung verwechselt werden kann. Im Erwachsenenalter ist eine plötzlich auftretende Seelentaubheit ein Warnzeichen für eine Hirnschädigung, die ein Arzt schnellstmöglich abklären sollte.

Wenn Menschen auf einmal bekannte Stimmen nicht mehr erkennen können oder Probleme dabei haben, Emotionen nur anhand der Stimme zu deuten, kann eine auditive Agnosie dahinterstecken. Reagiert ein Erwachsener nicht mehr angemessen auf Ansprache bzw. auf alltägliche Geräusche oder kann er bekannte Melodien nicht mehr identifizieren, kann dies ebenfalls ein Hinweis sein.

Wie erkennt der Arzt Seelentaubheit?

Besteht der Verdacht auf Seelentaubheit, wird der Arzt zunächst überprüfen, ob das Gehör des Patienten intakt ist und dadurch ausschließen, dass die Probleme von einem verminderten Hörvermögen herrühren. Außerdem wird sichergestellt, dass der Betroffene normal intelligent ist und nicht an einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung wie etwa ADHS leidet. Dafür sind Besuche beim Neurologen und beim HNO-Arzt notwendig. Möglicherweise wird auch ein Psychologe oder ein Psychiater hinzugezogen.

An den Intelligenz- und den Hörtest schließt sich ein Sprachaudiogramm an, bei dem der Patient einige Wörter hört und dann wiederholen soll. Dies ist für Menschen mit auditiver Agnosie typischerweise äußerst schwer zu bewerkstelligen. Darüber hinaus können weitere audiometrische Tests durchgeführt werden, um die Form der Störung genauer zu bestimmen und die bestmögliche Therapieform zu finden.

Wie wird eine Seelentaubheit behandelt?

Was tun bei Seelentaubheit? Häufig arbeiten bei der Therapie Neuropsychologen, Ergotherapeuten und Logopäden zusammen, um dem Patienten sein alltägliches Leben zu erleichtern. Beispielsweise hat es sich bewährt, akustische Reize mit visuellen oder taktilen Reizen zu verbinden, um das Erinnerungsvermögen zu verbessern. Dies geschieht zum Beispiel im Rahmen einer Musik- oder Sporttherapie.

Bei allen pflegerischen Maßnahmen ist Geduld und Fingerspitzengefühl gefragt, außerdem sollte man die Angehörigen in die Behandlung miteinbeziehen. Um die seelischen Folgen der Störung zu lindern, sind sanfte Entspannungsübungen wie zum Beispiel Yoga ratsam.

Bei Kindern mit Seelentaubheit sollte man möglichst frühzeitig mit dem Sprachtraining beginnen. Eltern sollten das Gesagte mehrmals ruhig wiederholen und dabei Blickkontakt halten, damit sich die kleinen Patienten das gesprochene Wort besser einprägen können. Langsam und deutlich zu sprechen, erleichtert den Betroffenen das Verständnis. Therapeuten helfen den Patienten dabei, zu erfassen woher ein Geräusch kommt und dieses zu identifizieren. Außerdem werden die Konzentrationsfähigkeit sowie die Aussprache von Silben, Wörtern und Sätzen geschult.

Seelentaubheit kann sehr frustrierend sein. (c) Adam Gregor / Adobe Stock

Wie kann ich vorbeugen?

Da die Seelentaubheit angeboren oder durch eine Hirnschädigung erworben wurde, kann man dieser Störung nicht gezielt vorbeugen.

Es ist allerdings ratsam, den Kopf bei sturzgefährdeten Sportarten wie Radfahren, Rollschuhlaufen und Reiten stets durch einen Helm zu schützen, um bei Unfällen die Folgen für das Gehirn möglichst gering zu halten.

Wie sind die Heilungschancen bei Seelentaubheit?

Agnosien, zu denen auch die Seelentaubheit gehört, sind in der Regel nicht heilbar, aber man kann die Symptome lindern: Durch geeignete Therapien und praktische Strategien können die Betroffenen lernen, mit ihren Einschränkungen im Alltag besser zurechtzukommen.

Patienten mit auditiver Agnosie haben zum Beispiel große Probleme beim Telefonieren, da sie den Anrufer alleine durch die Stimme nicht identifizieren können. Hier schafft eine Rufnummer-Erkennung Abhilfe: Sie verrät dem Betroffenen sofort, wer anruft.