Gesundheit kompakt

Dissoziative Identitätsstörung/multiple Persönlichkeiten

Von „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ über „Psycho“ bis hin zu „Fight Club“: Die dissoziative Identitätsstörung ist das Thema unzähliger Bücher und Filme. Lesen Sie hier, was diese psychische Erkrankung wirklich auszeichnet, welche Ursachen sie hat und wie Betroffenen geholfen werden kann.

Was ist eine dissoziative Identitätsstörung?

Was sind die Ursachen einer dissoziativen Identitätsstörung?

Was sind die Symptome?

Wie erkennt der Arzt eine dissoziative Identitätsstörung?

Wie wird eine dissoziative Identitätsstörung behandelt?

Wie kann ich vorbeugen?

Wie sind die Heilungschancen? 

Was ist eine dissoziative Identitätsstörung?

Bei der dissoziativen Identitätsstörung handelt es sich nach DSM-5 bzw. DSM-V, dem US-Klassifikationssystem für psychische Erkrankungen, um die schwerste Form der dissoziativen Störung. Die Patienten entwickeln dabei zwei oder mehr Teilidentitäten, die abwechselnd in Erscheinung treten und häufig nichts voneinander wissen. Die verschiedenen Persönlichkeitsanteile entstehen durch die namensgebende Dissoziation: Die Betroffenen spalten unbewusst verschiedene Erlebnisse inhaltlich voneinander ab, um sich vor belastenden oder gar traumatischen Situationen zu schützen. Früher sprach man auch von einer multiplen Persönlichkeitsstörung. Diese Bezeichnung ist nicht ganz korrekt, da die einzelnen Persönlichkeitsanteile zwar getrennt voneinander zum Vorschein kommen, aber nicht zwangsläufig gestört sein müssen.

Wie viele Persönlichkeiten kann ein Patient in sich vereinen? Damit laut Definition eine dissoziative Identitätsstörung, kurz DIS, vorliegt, müssen mindestens zwei unterscheidbare Identitäten vorhanden sein. Sie können sich in ihrem Charakter, ihren Vorlieben und Fähigkeiten, aber auch im Alter und im Geschlecht unterscheiden. In der Regel wechseln die Patienten aber zwischen acht bis zehn unterschiedlichen Persönlichkeitsanteilen, von denen meist eine den Großteil des Alltags bestreitet.

Diese wird als Host bezeichnet, die weiteren Teilpersönlichkeiten nennt man Alters. Was passiert im Gehirn, wenn sich Teilidentitäten entwickeln? Forschungen konnten belegen, dass bei den Betroffenen die Informationsweiterleitung in einigen Hirnregionen blockiert ist. Dies kann soweit führen, dass eine Teilpersönlichkeit des Patienten an Diabetes mellitus oder Herzrhythmusstörungen leidet, eine andere aber nicht.

Was sind die Ursachen einer dissoziativen Identitätsstörung?

Eine dissoziative Identitätsstörung entwickelt sich meist aufgrund einer schweren Traumatisierung in der Kindheit. Die große Mehrheit der Patienten wurde im Kindesalter wiederholt massiv sexuell missbraucht oder misshandelt, oft bereits vor dem fünften Lebensjahr und in ritualisierter Form. Auch eine extreme Verwahrlosung, Gewalt, Folter, Zwang zur Kinderprostitution und Kriegserlebnisse können der Entstehung einer dissoziativen Identitätsstörung vorausgehen.

Um die erlittenen Grausamkeiten aushalten zu können und die Gefühle von Ohnmacht und Ausgeliefertsein zu reduzieren, spaltet sich die Persönlichkeit auf. Es handelt sich bei dieser Erkrankung also um einen Schutzmechanismus der Psyche. Im Erwachsenenalter treten die verschiedenen Persönlichkeiten dann oft auch unabhängig von bedrohlichen Situationen auf, also ohne Bezug zu Gewalt oder Sexualität. Der Patient hat keinerlei Kontrolle über das Erscheinen und Verschwinden seiner Innenpersonen.

Typisch für die dissoziative Identitätsstörung ist, dass sie nicht durch eine körperliche Erkrankung wie zum Beispiel Epilepsie ausgelöst wird. Zwar berichten Patienten, die an einer dissoziativen Identitätsstörung leiden, von ähnlichen Symptomen wie etwa Gedächtnisverlust oder Bewusstseinstrübung. Das liegt daran, dass die Persönlichkeitsanteile getrennt voneinander agieren, sodass sich eine Teilpersönlichkeit nicht daran erinnern kann, was eine andere gesagt oder getan hat. Der Konsum von Alkohol und Drogen, welcher ebenso Gedächtnislücken nach sich ziehen kann, gilt ebenfalls nicht als Auslöser der dissoziativen Identitätsstörung.

Andere dissoziative Störungen, die beispielsweise durch eine gestörte Bewegungs- und Sinnesempfindung gekennzeichnet sind, können sich auch aufgrund eines Unfalls, eines Schlaganfalls oder durch überwältigenden Stress entwickeln. Die Verbreitung der dissoziativen Identitätsstörung ist eher gering: Sie tritt mit einer Häufigkeit von etwa 1,5 Prozent auf. Unter den Patienten sind deutlich mehr Frauen als Männer, viele zeichnen sich durch überdurchschnittliche Kreativität und Intelligenz aus. Genetische Faktoren spielen nach aktuellen Erkenntnissen keine Rolle. 

Was sind die Symptome einer dissoziativen Identitätsstörung?

Damit eine dissoziative Identitätsstörung vorliegt, müssen folgende Kriterien erfüllt sein: Es existieren zwei oder mehr unterschiedliche Persönlichkeiten, die abwechselnd das Verhalten des Patienten kontrollieren und die häufig nichts voneinander wissen. Das heißt, es existiert kein Co-Bewusstsein. Die Patienten können diese Abspaltung nicht stoppen, sie greift massiv in ihren Alltag ein. Durch die verschiedenen Teilidentitäten kommt es zu schweren Gedächtnislücken: Die Betroffenen vergessen wichtige persönliche Informationen, sofern diese eine andere ihrer Innenpersonen betreffen.

Dies kann zum Beispiel dazu führen, dass die Patienten nicht wissen, wie sie an einen bestimmten Ort gekommen sind oder wem die Kleidung in ihrem Schrank gehört. Dazu können verschiedene Begleitsymptome kommen wie Depressionen, Lähmungserscheinungen, Schlafstörungen, Ängste, Essstörungen und zwanghaftes Verhalten. Nicht wenige Patienten verletzen sich selbst und hegen Selbstmordgedanken. Auch körperliche Symptome sind möglich, zum Beispiel Schmerzen ohne erkennbare Ursache.

Da sich die Symptome ähneln, wird die dissoziative Identitätsstörung mitunter mit der Schizophrenie verwechselt. Bei beiden Krankheiten hören die Betroffenen Stimmen im Kopf. Jedoch halten Schizophrene diese Halluzination für real, während Menschen mit multiplen Persönlichkeiten sich der trughaften Wahrnehmung oft bewusst sind. Darüber hinaus fehlen bei der Schizophrenie die typischen Gedächtnislücken, die sogenannten Amnesien. Aber auch mit anderen psychischen Krankheiten besteht Verwechslungsgefahr, beispielsweise mit verschiedenen Psychosen, der Borderline-Persönlichkeitsstörung, narzisstischen bzw. schizotypischen Persönlichkeitsstörungen oder Depressionen. 

Wie erkennt der Arzt eine dissoziative Identitätsstörung?

Die Diagnose „dissoziative Identitätsstörung“ zu stellen, ist gar nicht so einfach, da die Anzeichen und das Krankheitsbild anderen psychischen Störungen ähneln. Zudem entwickeln viele Patienten zusätzlich zu den multiplen Persönlichkeiten weitere psychische Probleme wie Depressionen oder eine Borderline-Persönlichkeitsstörung. Und: Viele verheimlichen ihre Probleme, um nicht für verrückt gehalten zu werden.

Dies führt dazu, dass die Betroffenen häufig bereits mehrere erfolglose Therapien hinter sich haben, bevor eine dissoziative Identitätsstörung diagnostiziert werden kann. Hierfür verwendet der Arzt oder Psychologe einen klinischen Fragebogen bzw. einen speziellen Interviewleitfaden. Anhand gezielter Fragen kann der Fachmann herausfinden, ob eine dissoziative Identitätsstörung vorliegt. Zusätzlich können Untersuchungen am Gehirn vorgenommen werden.

Noch immer gibt es kritische Stimmen, die sagen, den Patienten würden ihre Beschwerden eingeredet oder sie würden das Vorhandensein verschiedener Persönlichkeiten lediglich vorspielen – sei es, um Aufmerksamkeit zu erhalten oder um einer Strafe zu entgehen. Die Existenz einer dissoziativen Identitätsstörung ist also immer noch umstritten. Einige bekannte Fälle sowie die Erfahrung im Klinik-Alltag sprechen allerdings dafür, dass schwer traumatisierte Menschen multiple Persönlichkeiten ausbilden können. Im Jahr 1980 wurde die dissoziative Identitätsstörung in das internationale Diagnosesystem für psychische Störungen aufgenommen. 

Wie wird eine dissoziative Identitätsstörung behandelt?

Das Ziel der Behandlung ist es, die Lebensqualität und das Wohlbefinden des Patienten zu verbessern. Ob dazu eine vollständige Integration der verschiedenen Teilidentitäten gehört, ist umstritten. Die Therapie ist langwierig und wird von einem Experten für Traumatherapie oder Verhaltenstherapie durchgeführt. Zunächst muss ein Vertrauensverhältnis aufgebaut werden, dann wird der Patient stabilisiert, damit dieser seinen Alltag bewältigen kann. Anschließend wird versucht, die Zusammenarbeit der verschiedenen Teilidentitäten zu fördern.

Erst dann kann das zugrundeliegende Trauma vorsichtig behandelt werden. Eine Psychoanalyse kann dabei helfen, Worte für das erlittene Unrecht zu finden und die abgespaltenen Teile der Persönlichkeit zusammenzuführen. Dies lehnen aber viele Patienten ab. Um die Symptome der dissoziativen Identitätsstörung zu mildern, etwa Depressionen und Angstzustände abzuschwächen, können verschiedene Medikamente verschieben werden.  

Wie kann ich einer dissoziativen Identitätsstörung vorbeugen?

Was können Sie präventiv gegen die Entwicklung einer dissoziativen Identitätsstörung tun? Da diese Störung die Folge eines schweren Traumas ist, kann man dieser Krankheit nicht gezielt vorbeugen. Es bleibt aber zu hoffen, dass die Erkrankung zunehmend Akzeptanz findet – sowohl in der breiten Bevölkerung als auch in der medizinischen Fachwelt.

Dann müssten sich die Betroffenen nicht mehr für ihre lückenhafte Erinnerung und die Probleme im Alltag schämen und könnten schneller professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Möglicherweise führt auch die verstärkte öffentliche Sensibilisierung für Fälle von Kindesmissbrauch dazu, dass sich die Opfer trauen, die Täter anzuzeigen und ihre Traumata aufzuarbeiten. 

Wie sind die Heilungschancen bei dissoziativer Identitätsstörung?

Ist eine Heilung möglich? Die dissoziative Identitätsstörung ist gekennzeichnet durch einen chronischen Verlauf. Je schwerer das erlittene Trauma ist, desto schwieriger und langwieriger ist die Therapie. Um zu verhindern, dass sich die multiplen Persönlichkeiten dauerhaft manifestieren und das Leben der Betroffenen beeinträchtigen, sollten diese möglichst frühzeitig mit einer geeigneten Behandlung beginnen.