Gesundheit kompakt

Das Pica-Syndrom

Auf dem Speiseplan stehen Seife, Kreide, Speisestärke oder Waschmittel: Was sich seltsam anhört, gehört für Pica-Erkrankte zum Alltag. Denn die seltene Essstörung ist der Grund für den Heißhunger auf Ungenießbares.

Was ist das Pica-Syndrom?

Was sind die Ursachen des Pica-Syndroms?

Was sind die Symptome?

Wie erkennt der Arzt das Pica-Syndrom?

Wie wird das Pica-Syndrom behandelt?

Wie kann ich vorbeugen?

Wie sind die Heilungschancen?

Was ist das Pica-Syndrom?

Per Definition ist das Pica-Syndrom eine seltene Form der Essstörung, bei der sich das gestörte Essverhalten nicht auf die Quantität der Nahrung (wie beispielsweise bei Anorexie und Bulimie), sondern auf deren Qualität bezieht. Benannt ist die Erkrankung nach der Elster (lat. Pica), die sich für ihren Nestbau wahllos Ungenießbares in den Schnabel stopft.

Beim Menschen handelt sich dabei um eine psychische Störung, die jedoch auch eine somatische Komponente aufweisen kann und häufig in Kombination mit anderen psychiatrischen Erkrankungen (wie Autismus, Schizophrenie oder genereller Verwahrlosung) auftritt. Das Pica-Syndrom kann allerdings auch bei Tieren, insbesondere bei Katzen und Hunden auftreten.

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Die betroffenen Personen leiden unter sehr starken Essensgelüsten auf allgemein ungenießbare, nicht für den menschlichen Verzehr geeignete Dinge. Häufig werden Sand, Steine, Waschmittel, Schwämme, Seife, Papier oder gar Exkremente gegessen. Je nach Substanz ist dies extrem gesundheitsschädigend und kann auch tödliche Folgen haben.

Was sind die Ursachen des Pica-Syndroms?

Die genauen Ursachen dieser seltenen Erkrankung sind noch nicht genau geklärt. In der Neurologie wird von einer neuropathologischen Grundlage der Störung ausgegangen. Mit größerer Häufigkeit sind Kleinkinder und Kinder mit eingeschränkten geistigen Fähigkeiten vom Pica-Syndrom betroffen, es können jedoch auch Kindern mit normaler Intelligenz daran erkranken.

Schizophrene, demente und autistische Personen leiden verhältnismäßig öfter an der ausgefallenen Essstörung als geistig Gesunde. Jedoch kann eine Form des Pikazismus, wie das Pica-Syndrom noch genannt wird, auch bei geistig gesunden, schwangeren Frauen auftreten. Erfahrungsgemäß verschwindet der veränderte Appetit nach der Entbindung meist wieder von alleine.

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Als weitere Ursachen für dieses Essverhalten können Mineralstoffmängel (besonders Eisenmangel) aber auch traumatische Ereignisse, wie Vernachlässigung oder Misshandlung im Kindesalter sein.

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Was sind die Symptome?

Das Hauptmerkmal des Pica-Syndroms ist das ständige Verzehren von Ungenießbarem. Die vier am häufigsten von den Betroffenen verzehrten Substanzen sind Asche, Kalk, Pflanzenreste und Lehm, aber auch die eigenen Haare (Trichotillomanie).

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Frau, die Erde in der Hand hält.

Menschen mit Pica Syndrom essen häufig Dreck und Steine. (c) Colourbox.de

Diese extreme Form der Ernährung bleibt meist nicht ohne Folgen: Verdauungsbeschwerden, Durchfall, Verstopfung, Übelkeit und Erbrechen bis hin zu Vergiftungen oder Darmverschluss (Ileus) sind die häufigsten Folgen der Krankheit. Besonders das Schlucken von scharfkantigen Gegenständen ist äußerst gefährlich und kann zu Schleimhautverletzungen im Mundraum und dem gesamten Verdauungstrakt führen.

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Zudem kann besonders das Verzehren von Erde und Lehm in einigen Regionen der Welt zu Parasitenbefall führen. Langfristig führt das Pica-Syndrom zu einer Mangelversorgung mit wichtigen Nährstoffen und bedarf in jedem Fall einer Therapie.

Wie erkennt der Arzt das Pica-Syndrom?

Nach genauer Beobachtung des Patienten/der Patientin erstellt der Arzt ein Gutachten. Treffen die folgenden Punkte zu, sind alle Kriterien zur Diagnose des Pica-Syndroms erfüllt:

  1. Betroffene nehmen mindestens einen Monat lang mehrmals pro Woche Ungenießbares zu sich.
  2. Das Essverhalten entspricht keiner kulturellen Norm.
  3. Das Essverhalten steht nicht in Relation zum Entwicklungsgrad (was bei Kleinkindern entwicklungsbedingt normal ist, ist bei Erwachsenen nicht mehr gerechtfertigt).
  4. Es liegt keine andere Erkrankung vor, die das Verhalten rechtfertigt (zum Beispiel Autismus oder Schizophrenie).

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Wie wird das Pica-Syndrom behandelt?

Regulär verordnet der behandelnde Arzt eine Verhaltenstherapie. Generell gilt, umso besser die Ursache bekannt ist, desto eher kann eine sinnvolle Behandlung eingeleitet und die Psyche der Betroffenen stabilisiert werden. Das Essverhalten der erkrankten Person normalisiert sich optimalerweise dauerhaft durch die Therapie.

Die als Folge des Pica-Syndroms auftretenden Nährstoffdefizite erkennt der Arzt im Blutbild und gleicht sie bei Bedarf durch die Gabe von Nahrungsergänzungsmitteln oder Infusionen gezielt aus.

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In akuten Fällen von Verletzungen oder Vergiftungen müssen umgehend entsprechende medizinische Maßnahmen ergriffen und eventuell verschluckte Gegenstände sogar operativ entfernt werden.

Wie kann ich vorbeugen?

Sind Kinder von der Essstörung betroffen, werden die Eltern im Umgang mit der Erkrankung geschult und der Lebensraum der Kinder wird „sicher“ gemacht. Wichtig ist es hier, im Vorfeld zu vermeiden, dass die Betroffenen die schädlichen Substanzen konsumieren.

Doch auch für erkrankte Erwachsene gilt es, die entsprechenden Substanzen aus ihrem Umfeld zu entfernen. Werden beispielsweise Haare gegessen, ist ein einfacher Kurzhaarschnitt häufig schon eine hilfreiche Maßnahme. Um Mangelerscheinungen als Folgeerkrankung vorzubeugen, ist auf eine ausreichende Versorgung mit Vitaminen und Mineralstoffen zu achten.

Ein geregelter Tagesablauf sowie ausreichend soziale Kontakte wirken sich positiv auf eine stabile Psyche aus und beugen dem Entstehen von psychischen Erkrankungen vor.

Wie sind die Heilungschancen?

Der Verlauf der Essstörung ist nicht charakteristisch und kann sich individuell ganz unterschiedlich ausprägen. Manchmal handelt es sich nur um eine Phase, die wieder überwunden wird. In anderen Fällen begleitet die Erkrankung die Betroffenen ein Leben lang.

Eine frühzeitige Intervention und dauerhafte, psychologische Begleitung durch einen geschulten Therapeuten und der Ausgleich eventuell bestehender Nährstoffmängel erhöhen die Chance auf ein symptomfreies Leben und die Heilung vom Pica-Syndrom.

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