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Cardiophobie: Panische Angst vor Herzinfarkt

Das Herz rast oder stolpert, die Brust schmerzt – alarmierende Signale, die auf einen drohenden Herzinfarkt hindeuten können. Manchmal haben diese Symptome jedoch keine körperliche, sondern eine seelische Ursache. Dann kann eine Cardiophobie bzw. Herzneurose hinter den Beschwerden stecken.

Was ist eine Cardiophobie?
Was sind die Ursachen einer Cardiophobie?
Was sind die Symptome einer Cardiophobie?
Wie erkennt der Arzt eine Cardiophobie?
Wie wird eine Cardiophobie behandelt?
Wie kann ich vorbeugen?
Wie sind die Heilungschancen bei Cardiophobie?

Was ist eine Cardiophobie?

Menschen mit Cardiophobie glauben, an einer schweren Herzerkrankung zu leiden oder haben Angst davor, einen Herzinfarkt zu erleiden. Sie zeigen dabei tatsächlich typische Symptome wie Herzrasen, Schmerzen im Brustkorb, Schwindel und Atemnot. Diese haben allerdings keine körperliche Ursache, sondern lassen sich auf die Psyche zurückführen – etwa auf unterbewusste Ängste. Das bedeutet aber nicht, dass sich die Patienten ihre gesundheitlichen Probleme einbilden.

Die Cardiophobie zählt laut Definition zu den psychosomatischen Störungen und ist eine sogenannte somatoforme autonome Funktionsstörung. Das bedeutet, dass anhaltende körperliche Beschwerden ohne erkennbare körperliche Ursache auftreten. Weitere gängige Bezeichnungen für diese Angststörung sind Herzangst, Herzphobie, Herzneurose, Herzangstsyndrom, Da-Costa-Syndrom, Effort-Syndrom und nervöse Herzbeschwerden.

Die Cardiophobie ist relativ häufig: Schätzungsweise 100.000 Betroffene gibt es in Deutschland. Allerdings ist die Störung schwer zu diagnostizieren, da viele Patienten der festen Überzeugung sind, an einer organischen Krankheit zu leiden. Kann ihr Arzt keine körperliche Ursache finden, gehen sie oft frustriert zu einem anderen Mediziner und alle Untersuchungen müssen erneut durchgeführt werden: 15 bis 30 Prozent aller Patienten, die mit Herzbeschwerden einen Kardiologen aufsuchen, leiden an einer Herzneurose. In vielen Fällen handelt es sich dabei um Männer zwischen 40 und 60 Jahren.

Schätzungsweise 100.000 Betroffene gibt es in Deutschland. (c) Soloviova Liudmyla / Fotolia

Was sind die Ursachen einer Cardiophobie?

Häufig ist die Cardiophobie Ausdruck einer unterbewussten oder verdrängten Angst. Die Patienten übertragen innere Konflikte oder andere Probleme des Alltagslebens auf ihr Herz, hören genau in sich hinein und stellen jede kleine körperliche Veränderung fest. Durch diesen Stress beginnt das Herz schneller zu schlagen und die Betroffenen glauben, an einer Erkrankung des Herzens zu leiden – ein Teufelskreis beginnt, welcher die dahinterstehenden Ängste und Probleme überlagert.

Darüber hinaus können Todesfälle im näheren sozialen Umfeld dazu führen, dass sich der Patient seiner eigenen Sterblichkeit bewusst wird und daraufhin eine Herzneurose entwickelt. Menschen mit Cardiophobie sind häufig sehr sensibel und haben wenig Selbstvertrauen. Wenn in ihrer Familie oder in ihrem Freundeskreis jemand an Herzproblemen leidet, können sie unter Umständen dessen Verhaltensweisen übernehmen und eine panische Angst vor Herzkrankheiten entwickeln. Auch wenn der Patient selbst schon einmal einen Herzinfarkt erlitten hat, ist das Risiko für eine Cardiophobie erhöht. Der Betroffene fürchtet dann, noch einmal in eine solch lebensbedrohliche Situation zu geraten.

Des Weiteren scheint es Ursachen zu geben, die in der Kindheit liegen: So können eine übermäßig dominante Mutter oder eine Vernachlässigung durch die Eltern dazu führen, dass der Betroffene in einer prägenden Lebensphase keine Problembewältigungsstrategien erlernt. In einer Art Abwehrmechanismus projiziert er dann tiefsitzende Ängste auf sein Herz, um sich den realen Problemen nicht stellen zu müssen.

Was sind die Symptome einer Cardiophobie?

Die Cardiophobie ist gekennzeichnet von der Angst, an einer schweren Herzkrankheit zu leiden oder einen Herzinfarkt zu erleiden. Dieses Gefühl kann Panikattacken auslösen und sich bis hin zur Todesangst steigern. Puls und Blutdruck steigen, mögliche Begleitsymptome sind Herzrasen, Herzstolpern bzw. Extrasystolen, Schmerzen oder ein Enge-Gefühl in der Brust, Atemnot und Hyperventilieren. Darüber hinaus klagen manche Patienten über Schweißausbrüche, Zittern, Verdauungsbeschwerden und Schlafstörungen.

Die gesundheitlichen Probleme treten häufig anfallsartig, mitunter nachts und mit wechselnden Beschwerden auf. Unbehandelt kann die Cardiophobie chronisch werden. Dies ist bei etwa 50 Prozent der Patienten der Fall. Typisch für Menschen mit Cardiophobie ist auch das Einschränken ihrer alltäglichen Tätigkeiten. Aus Angst, ihr Herz unnötig zu belasten, versuchen sie jede Art von Anstrengung oder Aufregung zu vermeiden. Dies kann dazu führen, dass sie keinerlei Sport treiben. Das ist problematisch, denn durch die daraus resultierende mangelnde körperliche Fitness können einige Symptome der Herzneurose verstärkt werden.

Bei manchen Patienten führt die Cardiophobie auch zu Depressionen und zum vollständigen sozialen Rückzug: Die Betroffenen verlieren das Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten und fühlen sich von ihren Mitmenschen missverstanden.

Cardiophobie-Patienten leiden auch unter Depressionen. (c) Andrey Popov / Fotolia

Wie erkennt der Arzt eine Cardiophobie?

Um seine Diagnose stellen, wird der Arzt zunächst ausschließen, dass die Beschwerden des Patienten eine körperliche Ursache haben. Ansprechpartner ist zunächst ein Herzspezialist, der das Organ eingehend untersucht. Der Kardiologe hört das Herz ab, misst Puls und Blutdruck und ordnet ein EKG bzw. ein Belastungs-EKG an: Dabei werden die elektrischen Vorgänge im Herzen während des Ruhezustands bzw. unter Belastung gemessen, wodurch etwaige Herzrhythmusstörungen erkannt werden können. Außerdem wird eine Blutanalyse durchgeführt.

Führen diese Untersuchungen zu keinem eindeutigen Ergebnis, können sich weitere anschließen, etwa ein Herzultraschall, eine Röntgenuntersuchung des Brustkorbs, eine Herzkatheteruntersuchung und/oder eine Kernspintomografie. Kann keinerlei körperliche Ursache festgestellt werden, liegt der Verdacht nahe, dass es sich um eine Cardiophobie handelt. Der Patient wird dann an einen Psychiater oder Psychologen überwiesen, welcher anhand von ausführlichen Gesprächen mit dem Betroffenen die Diagnose stellen wird.

Charakteristisch für Menschen mit Herzneurose ist beispielsweise, dass sie gerne und detailliert von ihren Symptomen berichten und sich ein breites Wissen über Herzkrankheiten angeeignet haben: Sie kreisen häufig auffällig um sich selbst und ihre Herzbeschwerden.

Wie wird eine Cardiophobie behandelt?

Was hilft bei Cardiophobie? Für die Therapie ist es wichtig, dem Patienten begreiflich zu machen, dass seine Beschwerden eine psychische Ursache haben – obwohl Symptome wie Herzrasen und Brustschmerzen durchaus real und nicht eingebildet sind. Nur dann wird der Betroffene psychotherapeutische Hilfe annehmen können und in eine kognitive Verhaltenstherapie oder in eine Psychoanalyse einwilligen.

Schritt für Schritt lernen die Patienten, ihre Herzbeschwerden richtig zu deuten und sie verstehen, welche inneren Konflikte und Ängste zur Entwicklung der Herzneurose beigetragen haben. Der Therapeut gibt ihnen verschiedene Werkzeuge zur Selbsthilfe an die Hand: So können beispielsweise sanfte Sportarten wie Walken oder Schwimmen und Entspannungstechniken wie Yoga und autogenes Training dazu beitragen, dass der Patient wieder ein besseres Körpergefühl entwickelt. Das Selbstvertrauen wird gestärkt und die Angst vor einem drohenden Herzinfarkt schwindet.

Darüber hinaus kann der Arzt insbesondere zu Beginn der Behandlung auch Medikamente verabreichen, etwa Betablocker, Antidepressiva oder Benzodiazepine. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn die Cardiophobie eine Begleiterscheinung einer anderen psychischen Störung oder einer körperlichen Erkrankung ist, zum Beispiel einer Depression.

Bei psychischen Problemen helfen Betablocker und Antidepressiva. (c) Dron / Fotolia

Wie kann ich einer Cardiophobie vorbeugen?

Einer Cardiophobie gezielt vorzubeugen, ist nicht möglich. Wer an Herzproblemen leidet, für die bereits mehrere Experten keinerlei körperliche Ursachen finden konnten, sollte sich mit dem Gedanken auseinandersetzen, dass die Probleme womöglich psychischer Natur sind. Das bedeutet keineswegs, dass die Beschwerden herbeifantasiert sind – sie sind dann lediglich Ausdruck tiefsitzender Ängste.

Um bei vorliegender Herzneurose Panikattacken zu verhindern oder abzumildern, sollten Betroffene versuchen, den Blick von sich selbst und ihrem Körper wegzulenken. In der Therapie lernen die Cardiophobie-Patienten, sich nicht mehr so stark auf ihr Herz und dessen (vermeintliche) Fehlfunktion zu fokussieren. Dadurch können sie erneuten Panikreaktionen vorbeugen.

Wie sind die Heilungschancen bei Cardiophobie?

Die Cardiophobie ist grundsätzlich heilbar. Allerdings kann es Monate oder sogar Jahre dauern, bis sich der Zustand des Patienten merklich bessert. Leidet der Betroffene zusätzlich an einer Depression oder an einer weiteren Angststörung, kann dies die Behandlungsdauer erheblich verlängern.

Problematisch ist auch die Angst vor der Angst: Menschen mit Cardiophobie fürchten sich nicht selten davor, eine erneute Panikattacke zu erleiden und vermeiden deshalb alles, was die gefühlten Herzbeschwerden verstärkt. Dies kann den Alltag der Patienten massiv beeinträchtigen und zur sozialen Isolation führen.

Wichtig zu wissen: Aus einer Cardiophobie kann sich im Laufe der Zeit tatsächlich eine organisch bedingte Herzerkrankung entwickeln. Durch das wiederkehrende Herzrasen, den Puls- und Blutdruckanstieg kann dann das Herz geschädigt werden. Es ist daher notwendig, während der Psychotherapie auch die körperlichen Symptome im Auge zu behalten und diese gegebenenfalls medikamentös zu behandeln.