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Apraxie: Gestörte Handlungsplanung

Menschen mit Apraxie können bestimmte Bewegungen nicht ausführen, obwohl sie dazu eigentlich körperlich und geistig in der Lage sind. Was steckt hinter dieser motorischen Fehlleistung und wie wird sie behandelt? Das und mehr lesen Sie hier.

Apraxie – was ist das?
Was sind die Ursachen einer Apraxie?
Was sind die Symptome einer Apraxie?
Wie erkennt der Arzt eine Apraxie?
Wie wird eine Apraxie behandelt?
Wie kann ich einer Apraxie vorbeugen?
Wie sind die Heilungschancen bei Apraxie?

Apraxie – was ist das?

Im medizinischen Begriff Apraxie steckt das griechische Wort „apraxia“, das übersetzt Untätigkeit bedeutet. Laut Definition sind bei einer Apraxie die Planung und die Ausführung von Bewegungen gestört, obwohl die motorischen Fähigkeiten des Patienten intakt sind.

Was heißt das also konkret? Ein Mensch, der unter Apraxie leidet, kann willkürliche, zielgerichtete Bewegungen nicht durchführen bzw. mit bestimmten Gegenständen nicht hantieren – und das, obwohl weder die Sinneswahrnehmung, noch die Motorik oder das Zusammenspiel von beidem gestört sind.

Prof. Georg Goldenberg, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, definiert die Krankheit als eine Störung der Handlungsplanung. Das bedeutet, dass die Betroffenen bestimmte Bewegungsmuster und -abläufe nicht aus dem Gedächtnis abrufen können, um verschiedene Aufgaben zu bewältigen.

Mehrere Formen der Apraxie

Man unterscheidet in der Medizin mehrere Formen der Apraxie, allerdings ist diese Einteilung unter Fachleuten umstritten. Liegt eine ideatorische Apraxie vor, sind von der Störung komplizierte, mehrteilige Handlungsmuster betroffen. Die Patienten schaffen es nicht, eine gewünschte Aktion in kleine Einzelschritte zu zerlegen, um diese in der richtigen Reihenfolge auszuführen.

Ein Beispiel: Patienten, die unter der ideatorischen Form leiden, gelingt es nicht, einen Brief zu schreiben, diesen zu falten, in einen Umschlag zu stecken, zu adressieren und zu frankieren. Es handelt sich hierbei um eine konzeptionelle Störung, die die Handlungsorganisation einschränkt.

Bei der wesentlich häufigeren ideomotorischen Apraxie haben die Patienten Probleme, nach Aufforderung bestimmte Aufgaben zu erfüllen oder Handlungen nachzuahmen. Sie sind in der Auswahl der motorischen Elemente eingeschränkt. Gesten werden falsch verstanden oder falsch eingesetzt: Betroffene zeigen beispielsweise die Zunge, wenn sie die Nase rümpfen oder die Wangen aufblasen sollen.

Darüber hinaus gibt es weitere Arten der Apraxie. Eine Sonderform der ideomotorischen Form ist die bukkofaziale Apraxie, auch als Gesichtsapraxie bekannt: Hier sind lediglich Bewegungen des Gesichts betroffen, insbesondere die Mimik. Unter Sprechapraxie versteht man eine Störung der Sprechbewegungen, welche Auswirkungen auf die Sprachfähigkeit der Patienten hat. Diese Sprachstörung tritt oft in Kombination mit einer Aphasie auf, also dem Verlust des Sprachvermögens bzw. des Sprachverstehens.

Apraxie erschwert selbst die leichtesten Handlungen. (c) Colourbox

Was sind die Ursachen einer Apraxie?

Eine Apraxie bei Kleinkindern, Kindern und Erwachsenen ist meist die Folge eines Hirnschadens. Dabei sind in der Regel der Parietallappen oder die Nervenbahnen betroffen, welche die Lappen mit anderen Gehirnregionen verbinden – also diejenigen Bereiche im Gehirn, in denen die Erinnerungen an Bewegungsabläufe gespeichert werden. Die Ursache für den Hirnschaden ist häufig ein links- oder beidseitiger Schlaganfall.

Aber auch ein Tumor oder eine Verletzung in der sprachdominanten Hirnhälfte kann eine derartige Hirnläsion hervorrufen. Zur Lokalisation bzw. zum Läsionsort lässt sich sagen, dass die Schäden bei Frauen häufig weiter vorne in der linken Hemisphäre festgestellt werden als bei Männern.

Darüber hinaus können degenerative Erkrankungen wie Alzheimer, Lewy-Body-Demenz und Frontotemporale Demenz eine schwere Apraxie auslösen. Gut zu wissen: Sprechapraxie tritt auch in Zusammenhang mit der autosomal-dominant vererbten Variante der Rolando-Epilepsie auf.

> Erfahren Sie mehr über die Lewy-Body-Demenz

Was sind die Symptome einer Apraxie?

Bei Apraxie handelt es sich um eine erworbene Unfähigkeit, zielgerichtete Willkürbewegungen zu vollführen bzw. Gegenstände wie zum Beispiel Werkzeuge korrekt zu benutzen. Die motorischen Fehlhandlungen lassen sich aber weder durch eine körperliche Behinderung, noch durch eine Koordinationsstörung oder eine Lähmung erklären. Außerdem liegen keinerlei Verständnis- oder Aufmerksamkeitsschwierigkeiten vor.

Dennoch schaffen es viele Patienten nicht, eine komplexe Handlung als logische Reihenfolge einzelner Bewegungen zu planen – etwa sich ein Glas Wasser einzugießen, Kaffee zu kochen oder ein Brot mit Butter zu bestreichen. Andere Patienten können einfache Bewegungen wie ein Zungenschnalzen oder Naserümpfen nicht nach verbaler Aufforderung zeigen oder imitieren, wenn man ihnen diese vormacht.

Zufällig und spontan sind diese Bewegungen allerdings möglich. Unterschieden wird die Apraxie von der Ataxie, einer Störung der Bewegungsabläufe, die durch fehlende Muskelkoordination oder unregelmäßige Muskelarbeit ausgelöst wird und auf eine Schädigung des Kleinhirns zurückgeht. Ebenfalls zu unterscheiden ist die Agnosie, eine fehlerhafte Deutung von Sinneseindrücken, welche durch eine gestörte Informationsverarbeitung hervorgerufen wird.

Wie erkennt der Arzt eine Apraxie?

Um eine Apraxie zu diagnostizieren, wird der behandelnde Arzt zunächst die Krankengeschichte des Patienten in Erfahrung bringen. Kann der Betroffene nicht selbst befragt werden, etwa weil er Probleme mit der Sprache hat, ist der Arzt auf die Auskünfte der Angehörigen und des Pflegepersonals angewiesen. Wenn Bewegungsabläufe wie das Zuknöpfen einer Jacke, das Spielen eines Musikinstruments oder das Malen eines Bildes gestört sind, obwohl die Hände des Patienten diese Aufgaben theoretisch meistern können, deutet dies auf die Diagnose Apraxie hin.

Eine Sprechapraxie ist gekennzeichnet durch die Unfähigkeit, mit dem Mund grundlegende sprachliche Laute zu formen. Um andere Ursachen für die motorischen Fehlleistungen auszuschließen, etwa eine Muskelschwäche oder andere Muskel- bzw. Gelenkprobleme, kann der Arzt verschiedene körperliche Untersuchungen durchführen. Daneben gibt es standardisierte Tests aus der Neuropsychologie, um die Hirnfunktion des Betroffenen zu überprüfen.

Kristallisiert sich die Erkrankung und damit ein Hirnschaden als Auslöser der Probleme heraus, können im Anschluss an diese Testung bildgebende Verfahren wie eine Computertomographie (CT) oder eine Magnetresonanztomographie (MRT) angeordnet werden, um die Ursache der Schädigung zu finden.

> Was passiert bei CT und MRT?

Angehörige brauchen viel Geduld und Verständnis für die Betroffenen. (c) Colourbox

Wie wird eine Apraxie behandelt?

Eine Apraxie muss nur dann behandelt werden, wenn sie dem Patienten bei der Bewältigung seines Alltags Schwierigkeiten bereitet – was nicht unbedingt der Fall sein muss. Die Therapie wird also individuell an die Bedürfnisse des Patienten angepasst. Durch verschiedene Maßnahmen, etwa Ergotherapie und Physiotherapie, kann der Betroffene lernen, mit der gestörten Bewegungsplanung besser umzugehen und diese ggf. zu kompensieren.

Große Bedeutung hat in jedem Fall die Behandlung der Ursache der Krankheit, also etwa ein zurückliegender Schlaganfall oder eine Demenz-Erkrankung. Leidet der Patient unter Sprechapraxie, können ihn Logopädie-Experten unterstützen und ihn dazu ermuntern, Laute zu bilden oder mit sich mit einer Buchstaben- bzw. Bildertafel zu verständigen.

Wie kann ich einer Apraxie vorbeugen?

Da die Apraxie als Folgeerscheinung eines Hirnschadens auftritt, kann man diesem gesundheitlichen Problem nicht gezielt vorbeugen. Dennoch gibt es die Möglichkeit, das Risiko für die Entwicklung einer Apraxie zu senken – und zwar, indem Sie vorbeugende Maßnahmen gegen mögliche Auslöser wie Schlaganfall oder Demenz ergreifen: Reduzieren Sie Übergewicht und sorgen Sie für eine abwechslungsreiche, gesunde Ernährung mit viel Obst und Gemüse. Zucker- und fetthaltige Speisen sollten Sie nur in Maßen genießen.

Denken Sie außerdem an eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr und treiben Sie regelmäßig Sport. Um das Schlaganfall-Risiko zu senken, sind Sportarten empfehlenswert, die die Gefäße elastisch halten, also beispielsweise Joggen, Radfahren und Schwimmen. Außerdem sollten Sie das Rauchen aufgeben und nur wenig bzw. gar keinen Alkohol trinken.

Lassen Sie vorliegende Grunderkrankungen wie Diabetes mellitus, Bluthochdruck und einen erhöhten Cholesterinspiegel behandeln und nehmen Sie regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen bzw. medizinische Check-ups wahr. Das Reduzieren von Stress kann ebenfalls die Gefahr für einen Schlaganfall senken.

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Wie sind die Heilungschancen bei Apraxie?

Wie die Prognose bei Apraxie aussieht, hängt vom Auslöser dieser motorischen Fehlleistung ab. Meist ist die Ursache, also der zugrundelegende Hirnschaden, nicht heilbar, sodass sich die Therapie darauf beschränkt, die Symptome zu lindern.

Durch eine liebevolle Pflege und individuell abgestimmte, konsequent durchgeführte Maßnahmen aus Ergotherapie, Physiotherapie und Logopädie kann allerdings eine deutliche Besserung erzielt werden. Angehörige, die sich um Patienten kümmern, brauchen viel Geduld und müssen lernen, deren falsch ausgeführte Handlungen nicht als Unvermögen oder Fehlverhalten zu deuten.