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Kinder und Corona: Genauso ansteckend, aber weniger krank?

Über SARS-CoV-2 gibt es bisher nur wenig gesicherte Erkenntnisse. Zum Thema Kinder und Corona stellen sich hauptsächlich zwei Fragen: Wie stark gefährdet es Ihr Kind? Sind Kinder so infektiös wie Erwachsene?

Seitdem die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Coronavirus-Krankheit zur Pandemie erklärte, sind zahlreiche Studien erschienen. Da SARS-CoV-2 erst Ende 2019 auftauchte, decken Untersuchungen dazu meist nur einen kurzen Zeitraum ab. Zudem operieren sie oft nur mit den Daten weniger Probanden. Teils sind die Studien deshalb nicht sehr aussagekräftig oder beleuchten nur Details des Virusgeschehens. Teils zeigen sie widersprüchliche Ergebnisse.

Es klaffen große Wissenslücken

Beispielsweise deklarierten manche Wissenschaftler Kinder einerseits als „Super-Spreader“ und legten nahe, dass Großeltern zu ihren Enkeln besser keinen Kontakt haben sollten. Schulen und Kitas schlossen, um die Ausbreitung des Virus über Kinder möglichst zu minimieren. Andererseits weist die internationale Datenlage darauf hin, dass Kinder weit seltener an Covid-19 erkranken als Erwachsene.

Wie stark gefährdet das Corona-Virus Ihr Kind?

Vor allem sehr kleine Kinder haben noch kein fertig ausgeprägtes Immunsystem. Man könnte annehmen, dass sie deshalb bei Kontakt mit Corona sogar gefährdeter sind. In der Realität zeigt sich das Gegenteil: Einige Studien deuten darauf hin, dass sie sich weniger leicht mit SARS-CoV-2 anstecken. Je jünger Ihr Kind ist, desto eher könnte es von einer Infektion verschont bleiben. Falls Ihr Kind erkrankt, nimmt die Krankheit COVID-19 einen leichteren Verlauf. Der Anteil der Kinder bis 14 Jahre liegt laut Robert Koch-Institut in Deutschland bei rund drei Prozent der bestätigten Infizierten. Unter den 8663 Todesfällen war ein Kind unter 9 Jahren und zwei zwischen zehn und 19 Jahren. (Stand: 7. Juni 2020)

Kinder und Corona: Was die Kleinen schützt

Eine These, warum Kinder besser gefeit sind, lautet, dass sie über ein noch anders ausgerichtetes Immunsystem verfügen. Es hat sich mit vielen Erregern noch nicht auseinandergesetzt und muss deshalb auf breiter Basis Antikörper bilden. Die kindlichen Abwehrzellen reagieren sofort auf Eindringlinge und bilden damit die erste Verteidigungslinie. Das erworbene Immunsystem dagegen, das sich im Lauf des Lebens durch den Kontakt mit Erregern aufbaut, braucht länger, besitzt dafür eine größere Treffsicherheit.

Eine weitere These, warum Kinder weniger empfänglich für eine Corona-Infektion sind, besteht darin, dass ihr Gesundheitszustand generell besser ist. Das liegt zum einen daran, dass sie weniger an chronischen Krankheiten leiden. Zum anderen sind ihre Atemwege in der Regel gesund und nicht wie bei vielen Erwachsenen geschädigt, etwa durch Rauchen oder Luftschadstoffe.

Kinder und Corona: Welche Symptome zeigen sie?

Unbestritten ist, dass Kinder mit der Covid-19-Krankheit deutlich mildere Verläufe haben als Erwachsene. Häufig zeigen sie gar keine Symptome. Wenn sie welche haben, sind diese milder:

  • ein wenig trockenen Husten,
  • leichtes Fieber,
  • generelle Abgeschlagenheit
  • und Symptome des Magen-Darm-Trakts wie Durchfall.

Es sind einzeln international schwere Verläufe mit den Symptomen eines Kawasaki-Syndroms beschrieben worden. Dabei handelt es sich um eine sehr selten auftretende Entzündung der kleinen und mittelgroßen Blutgefäße. Diese Erkrankung tritt in der Regel bei Kindern zwischen zwei und fünf Jahren auf. Was die genauen Ursachen sind, wissen Mediziner nicht genau. Manche Forscher vermuten, dass eine Überreaktion des körpereigenen Abwehrsystems dahintersteckt. Es steht im Verdacht, durch Infektionen getriggert zu werden. Ein Zusammenhang mit SARS-CoV-2 ist nicht gesichert.

Stecken sich Kinder so häufig an wie Erwachsene?

Es ist nicht sicher, ob Kinder sich tatsächlich weniger häufiger mit dem Coronavirus anstecken. Es könnte auch sein, dass ihre Ansteckung weniger auffällt, weil sie häufig symptomlos verläuft. Vor allem fehlen noch Zahlen aus Reihenuntersuchungen eines Durchschnitts der Bevölkerung. Anfangs wurden nur Menschen auf eine Infektion mit SARS-Cov-2 getestet, die Symptome zeigten.

Laut dem Robert Koch-Institut (RKI) erscheint es plausibel, dass Übertragungen auf Kinder stattfinden. Dafür spreche:

  • die hohe Übertragungsfähigkeit des Virus (Kontagiosität),
  • der enge Kontakt zwischen Kindern und Jugendlichen
  • und der symptomlose oder milde Verlauf.

Sind Kinder so ansteckend wie Erwachsene?

Die Frage, wie häufig Kinder andere mit SARS-CoV-2 anstecken, gehört zu den wichtigsten rund um Kita- und Schulöffnungen. Allerdings ist die Datenlage dazu noch dünn. Laut Robert Koch-Institut (RKI) zeigten die meisten Studien, dass Kinder durch Erwachsene infiziert wurden und nicht umgekehrt. Da Betreuungseinrichtungen und Schulen während der meisten Untersuchungen bereits geschlossen beziehungsweise nur eingeschränkt geöffnet waren, sind diese Ergebnisse allerdings nicht auf die Alltagssituation übertragbar.

Coronavirus und Kinder

Kinder in Zeiten von Corona (c) Adobe Stock / Oksana Kuzmina

Im Rahmen einer isländischen Studie mit 13.000 Probanden kam heraus, dass kein einziges Kind unter zehn Jahren mit dem Coronavirus infiziert war. Allerdings gilt diese Studie als nicht repräsentativ. Im Widerspruch dazu steht eine Studie aus China, die wiederum zeigt, dass Kinder ähnlich häufig infiziert sind wie Erwachsene – und das Virus auch übertragen, was in Island nicht der Fall war.

Widersprüchliche Studienlage über Kinder und Corona

Eine kontrovers diskutierte Studie des Virologen Christian Drosten weist darauf hin, dass die Viruslast im Rachen von Erwachsenen und Kindern gleich hoch ist. Allerdings basiert die von der Berliner Charité veröffentlichte Arbeit auf geringen Fallzahlen. Der 28-seitige Text ist ein sogenanntes Preprint, das noch nicht zur Veröffentlichung in einem wissenschaftlichen Fachmagazin ansteht, sondern wie üblich in der Wissenschaft von anderen Experten diskutiert werden muss. In der Studie ist zudem beispielsweise nicht berücksichtigt, dass Kinder weniger husten und einen geringeren Hustenstoß haben als Erwachsene. Vielleicht setzen sie deswegen auch weniger Tröpfchen und Aerosol in die Umgebung frei. Wissenschaftlich belastbare Beweise für diese Vermutungen stehen allerdings aus.

Bisher größte Studie stammt aus Baden-Württemberg

Genauere Daten zur Frage, wie stark Kinder die Infektionswelle antreiben, soll eine baden-württembergische Studie liefern. Forscher der Unikliniken Heidelberg, Freiburg und Tübingen testeten rund 5000 Kinder zwischen einem und zehn Jahren sowie je ein Elternteil mit Nase-Mund-Rachen-Abstrichen auf eine Infektion mit dem Corona-Virus. Die Mehrzahl der Kinder besuchte Notbetreuungen. Erste auf einer Pressekonferenz vorgestellte vorläufige Ergebnisse zeigten: Die Auswertung der Abstriche ergab, dass weniger als ein Promille der Teilnehmer mit SARS-CoV-2 infiziert waren. Der Studie nach spielen Kinder bis zehn Jahren bei der Verbreitung von Corona nur eine „untergeordnete Rolle“. Zudem fanden die Wissenschaftler heraus, dass sich Kinder, die mit einem Infizierten Kontakt hatten, seltener anstecken als Erwachsene, die mit einem Infizierten zusammentrafen.