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Fehldiagnose häufiger, wenn Patient nervt

Wer krank ist, ist naturgemäß nicht immer bester Laune. Doch wer vorm Arzt sitzt, sollte sich zusammennehmen. Denn wer sein Gegenüber nervt, muss eher mit einer Fehldiagnose rechnen. Woran das liegt, haben Forscher jetzt herausgefunden.

Nicht jeder Patient, der in eine Arztpraxis spaziert, ist froh über die Hilfe, die ihm dort zuteil wird. Zumindest gibt es Menschen, die sich das nicht anmerken lassen und stattdessen durch unangemessenes Verhalten auffallen. „Schwierige Patienten“ nennt man diese Klientel im Fachjargon.

Wer sich gerade fragt, was einen Patienten eigentlich schwierig macht: Im Rahmen einer Studie von Psychologen der Erasmus Universität Rotterdam hat man folgende Patienten-Typen mit Nervfaktor festgelegt:

  1. Der Patient, der ohne Unterlass Fragen stellt
  2. Der Patient, der unterschwellig oder offensichtlich aggressiv ist
  3. Der Patient, der die Kompetenz des Arztes infrage stellt
  4. Der Patient, der den Rat des Arztes nicht befolgt, aber trotzdem möchte, dass seine Beschwerden sich bessern
  5. Der Patient, der wenig Erwartungen an die Hilfe durch den Arzt hat
  6. Der Patient, der sich selbst als völlig hilflos darstellt

Wer sich hier in Grundzügen wiedererkennt, sollte sich beim nächsten Arzttermin dringend zusammenreißen, denn die Wahrscheinlichkeit, dass der Mediziner die Beschwerden fehlinterpretiert und eine falsche Diagnose stellt, steigt dadurch – unter Umständen ganz erheblich. Zu diesem Ergebnis kamen die Autoren der Studie, nachdem sie ausgewertet hatten, wie 63 angehende Allgemeinärzte die Fälle schwieriger Patienten beurteilt hatten.

Schwieriger Fall? Lieber nicht nerven

Den Medizinern waren unterschiedliche Krankheitsfälle vorgelegt worden – einmal einfacher Natur, einmal etwas kompliziertere. Außerdem hatten sie zu jedem Fall eine Information zum Verhalten des Patienten erhalten: Einmal benahm er sich ganz normal, einmal schwierig und störend.

Das Ergebnis: War der Fall einfach und die Krankheit eindeutig festzustellen, fiel die Fehlerquote auch bei schwierigen Patienten eher gering aus. Heißt: Wer zum Beispiel mit einer Lungenentzündung vorstellig wird, hat auch bei ungebührlichem Verhalten noch gute Chancen auf eine richtige Diagnose.

War der Fall jedoch komplexer, zum Beispiel durch diffuse Beschwerden, sah das Ganze schon anders aus. Die Ärzte lagen bei schwierigen Patienten auf einmal fast doppelt so häufig daneben, wie bei Patienten, die nicht nervten. Im Alltag kann das bedeuten: Der entzündete Blinddarm wird nicht erkannt und der Arzt schickt den Betroffenen mit der Diagnose Gastritis nach Hause.

Die Erklärung der Forscher hierfür: Nerviges Dauerfragen, freche Kommentare oder demonstrativ zur Schau gestellte Hilflosigkeit – benehmen sich Patienten so, kostet das den Arzt bereits wertvolle geistige Energie. Schließlich ist er auch nur ein Mensch und empfindet die Situation als belastend. Das Problem: Dadurch bleiben ihm weniger geistige Ressourcen, um komplexe Krankheitsbilder zu analysieren und die richtigen Schlüsse zu ziehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Arzt ein Fehlurteil fällt, steigt.

Der Faktor Zeit – auch das konnten die Forscher belegen – spielte dabei keine Rolle. Die Ärzte nahmen sich für schwierige Patienten ebenso viel Zeit wie für umgängliche. Auch eine wiederholte Bewertung des Falles änderte nichts am Fehlurteil.

Gutes Benehmen zahlt sich aus

Einen Weg aus diesem Dilemma sehen Experten darin, dass Ärzte sich bewusst machen, wie sehr Gefühle ihre objektive Urteilskraft beeinflussen. Außerdem sollten sich Mediziner gezielt damit beschäftigen, welche Strategien im Gespräch mit schwierigen Patienten die Situation für beide Seiten weniger belastend machen.

Auch wenn die Autoren der Studie vor allem Ansatzpunkte auf Seiten der Ärzte suchen – Patienten geben die Ergebnisse der Forscher ebenso einen guten Rat: „Geh deinem Arzt nicht auf den Wecker – dann stimmt am Ende auch die Diagnose.“