Kopf & Psyche

Eidetisches Gedächtnis: Erstaunliche Gehirnleistungen

Wäre es nicht unglaublich, sich jedes Detail, jede noch so winzige Information für immer einprägen zu können? Menschen mit fotografischem bzw. eidetischem Gedächtnis haben diese Fähigkeit – und sind dennoch nicht immer zu beneiden.

„Wo habe ich bloß mein Auto abgestellt?“ Das haben Sie sich sicher auch schon einmal gefragt und ratlos auf einen überfüllten Supermarkt-Parkplatz geblickt. Und vielleicht ist Ihnen in diesem Zusammenhang auch folgender Gedanke gekommen: „Ein fotografisches Gedächtnis müsste man haben!“ Dann könnte man visuelle Eindrücke, aber auch andere Informationen und Inhalte, über einen längeren Zeitraum detailgenau wie auf einem Foto abspeichern.

Was bedeutet „eidetisches Gedächtnis“?

Was wir umgangssprachlich „fotografisches Gedächtnis“ nennen, kennt die Psychologie unter dem Fachbegriff „eidetisches Gedächtnis“. Worin liegt der Unterschied? Im Volksmund werden herausragende Leistungen, bei denen Ereignisse als visuelle Wahrnehmungen gespeichert werden, als „fotografisches Gedächtnis“ bezeichnet. Tatsächlich „fotografiert“ das Gehirn nicht. Die wissenschaftliche Definition der eidetischen Begabung bezeichnet daher die Fähigkeit, ein detailreiches, visuelles Bild einer komplexen Szenerie oder ein Muster im Kurzzeit- oder sogar im Langzeitgedächtnis zu behalten.

So erkennen Sie diese besonderen Gehirnleistungen: Menschen, die über ein eidetisches Gedächtnis verfügen, können ein Gemälde einige Sekunden lang betrachten und erinnern sich anschließend an überraschend viele Einzelheiten. Wie viele Äste hatte der Baum? Welches Muster hatte die Tischdecke? Ein weiteres Anzeichen des sogenannten fotografischen Gedächtnisses ist die Gabe, ein Buch durchzublättern und genau zu wissen, welcher Satz auf welcher Seite steht.

Eidetisches Gedächtnis bei Kindern und Erwachsenen

Doch wie viele Menschen haben überhaupt ein eidetisches Gedächtnis? Und wie funktioniert es? Bei diesen Fragen herrscht unter Wissenschaftlern Uneinigkeit. Es gibt derzeit keine allgemein gültige Erklärung für dieses Phänomen. Und sogar die Annahme, dass ein eidetisches Gedächtnis überhaupt existiert, ist umstritten. Dennoch gehen einige Studien davon aus, dass heute etwa fünf bis zehn Prozent der Kleinkinder über so etwas wie ein fotografisches Gedächtnis bzw. ein (semi-)eidetisches Gedächtnis verfügen.

memory Spiel

Kinder können sich visuelle Dinge oft besser merken als Erwachsen. (c) Oksana Kuzmina / Fotolia

Wer mal mit einem Kind Memory gespielt hat, wird bestätigen, dass bei Kids das visuelle Gedächtnis wesentlich besser funktioniert als bei Erwachsenen – die Kleinen verfügen schlicht über mehr Synapsen als wir. Eine mögliche Begründung lautet: Wenn wir älter werden, lernt das Gehirn, welche synaptischen Verbindungen effektiv arbeiten und schaltet ungenutzte einfach ab. Das eidetische Gedächtnis tritt bei Erwachsenen daher sehr selten auf. Und welche neurologischen Prinzipien die Ursache dieses Phänomens sind, ist nicht abschließend geklärt.

Eine Theorie besagt, dass die Verbindung der beiden Gehirnhälften weniger stark ausgeprägt ist. Eine aktuelle Studie macht die erhöhte Produktion des Proteins RGS-14 verantwortlich: Dieses Eiweiß steuert die Informationsverarbeitung und erweitert das Langzeitgedächtnis. Interessanterweise geht das fotografische Gedächtnis oft mit erhöhter Intelligenz, aber auch mit Symptomen von Entwicklungsstörungen wie dem Asperger-Syndrom und Autismus einher. Als Grund gilt eine Schädigung des Schläfenlappens während der Embryonalphase.

Ein fotografisches Gedächtnis hat Vor- und Nachteile

Es sind einige wenige Fälle bekannt, in denen sich das perfekte Erinnerungsvermögen spontan entwickelt hat, etwa nach einem Unfall, durch die Einnahme von Medikamenten, nach einer Operation oder im Zusammenhang mit Hypnose. Doch nicht immer sind die Betroffenen glücklich darüber – denn eine so enorme Gedächtnisleistung bringt auch Nachteile mit sich. Viele Gedächtniskünstler sind Inselbegabte: Sie können sich zwar komplexe Strukturen merken, haben aber Probleme, ihren Alltag zu bewältigen.

Das liegt daran, dass jeden Tag unzählige Informationen auf uns einprasseln. Ein normal funktionierendes erwachsenes Gehirn hat gelernt, diese zu filtern und Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Menschen mit eidetischem Gedächtnis fällt es mitunter schwer, Randinformationen auszublenden. Sie leiden an Reizüberflutung, was zu Stress und psychischen Krankheiten führen kann.

Kann man sich ein eidetisches Gedächtnis antrainieren?

In Film und Fernsehen können wir immer wieder die unglaublichen Leistungen von Eidetikern bewundern. Zu den bekanntesten fiktiven Gedächtniskünstlern gehören Sheldon Cooper aus „The Big Bang Theory“ und Dustin Hoffmanns Figur in „Rain Man“. Hoffmanns Charakter ist dabei an ein reales Vorbild angelehnt: Der Amerikaner Kim Peek verfügte über ein außergewöhnliches Gedächtnisvermögen und wusste eigenen Angaben zufolge den Inhalt von 12.000 Büchern nahezu auswendig.

Angesichts solcher Fähigkeiten stellt sich die Frage: Wie bekommt man ein eidetisches Gedächtnis? Kann man diese Spitzenleistungen als Erwachsener noch entwickeln, aktivieren oder trainieren? Welche Lernmethoden helfen, um sich ein fotografisches Gedächtnis anzueignen? Eine simple Anleitung à la „Fotografisches Gedächtnis in 10 Schritten“ existiert leider nicht. Dennoch gibt es Wege, die visuelle Gedächtnisleistung und die Merkfähigkeit zu verbessern.

Verschiedene Bücher, Apps oder Online-Selbsttests können Auskunft darüber geben, wie es um Ihre eidetischen Fähigkeiten bestellt ist. Zudem finden Sie im Internet viele Gehirntrainingsspiele und –übungen, die gezielt die verschiedenen Arten des fotografischen Gedächtnisses fördern. Beliebt sind beispielsweise Fehlerrätsel, bei denen zwei Bilder miteinander verglichen und die Unterschiede gesucht werden müssen. Auch der Rätsel-Klassiker Sudoku sowie „Malen nach Zahlen“ sind hilfreich, um Konzentration und eidetisches Gedächtnis zu schulen.

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