Kopf & Psyche

Bore-out: Arbeitslos am Arbeitsplatz

Stifte spitzen, die Ablage aufräumen, auf den Bildschirm starren, sinnlos vor sich hin klicken, bis der Feierabend anbricht – das mag nach einem entspannten Werktag klingen. Nichtstun im Job kann aber genauso belasten wie Überforderung. Bore-out wird dieses Phänomen genannt, das Betroffene an ihre körperlichen und seelischen Grenzen bringt.

Wer vor aufgetürmten Aktenstapeln kein Arbeitsende mehr sieht, läuft Gefahr, innerlich auszubrennen: Ein Burn-out ist dann nicht weit. Das Gegenteil davon wird als Bore-out bezeichnet – auf Deutsch: Langeweile (engl. boredom) und Unterforderung, die krank machen.

Es klingt paradox, doch Däumchen drehen am Arbeitsplatz kann Körper und Geist belasten. Unterforderung, Langeweile und Desinteresse an der eigenen Tätigkeit führen im Extremfall zu einem Gefühl innerer Leere, zu Antriebslosigkeit, Niedergeschlagenheit und Depressionen. Zu wenige, falsche oder sinnlose Aufgaben im Job können auch körperliche Beschwerden wie Bauch-, Kopf- und Rückenschmerzen, Tinnitus und Herz-Kreislauf-Erkrankungen nach sich ziehen.

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Viel Zeit, wenig zu tun

Während Burn-out als Folge des Leistungsdrucks unserer Zeit jedoch zunehmend als Gesundheitsproblem erkannt wird, haben es Bore-out-Betroffene schwerer. Ihre Beschwerden stoßen selten auf Verständnis. Der einzige vermeintlich Faule in einer Welt aus gestressten und übereifrigen Managertypen zu sein, ist wenig erbaulich. Die Belastungen, die sich aus der Unzufriedenheit im Job ergeben, werden außerdem selten ernst genommen. Im Gegenteil: Langeweile am Arbeitsplatz wird oft belächelt oder beneidet. Denn fürs Nichtstun bezahlt zu werden, hört sich traumhaft an.

Darum schweigen die Gelangweilten, sitzen ihre 40 Stunden pro Woche ab und entwickeln meisterhafte Strategien der Tarnung: Sie täuschen Arbeit vor. Akten werden gewälzt, (private) Mails getippt und Überstunden geschoben. Auf die Idee, dass es tatsächlich nichts zu tun gibt, würden die Kollegen niemals kommen. Dieses Versteckspiel kostet Kraft und ist äußerst unbefriedigend für jemanden, der ja eigentlich arbeiten will.

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Wer ist gefährdet?

Eine Studie des Gallup-Instituts ergab, dass 16 Prozent der Beschäftigten in Deutschland emotional nicht an ihr Unternehmen gebunden sind und innerlich bereits gekündigt haben. Bore-out trifft Frauen häufiger als Männer. Angestellte der Dienstleistungsbranche und Verwaltung gelten als besonders gefährdet, Selbstständige sind dagegen sehr selten unterfordert.

Wer ein geringes Selbstwertgefühl hat, gerät leichter in einen Bore-out-Strudel: Unsichere Charaktere nehmen eher einen Job an, der sie unterfordert, weil sie sich auf anspruchsvollere Stellen erst gar nicht bewerben. Gleichzeitig haben sie einen hohen Anspruch an sich selbst und ihre Arbeit – das eigene Wohl ist vom Erfolg im Job abhängig. Wenn sie sich der Aufgaben- und Sinnlosigkeit bewusst werden, ist es meist zu spät. Denn eine Kündigung wird als zu riskant empfunden.

Der Bore-out-Test

Rothlin und Werder entwarfen einen Test, mit dessen Hilfe die Unterforderung am Arbeitsplatz erkannt werden soll. Wer mehr als vier der nachstehenden Fragen mit „Ja“ beantwortet, ist einem Bore-out demnach gefährlich nahe:

  • Erledigen Sie private Dinge während der Arbeit?
  • Fühlen Sie sich unterfordert oder gelangweilt?
  • Geben Sie vor, zu arbeiten, haben aber gar nichts zu tun?
  • … und sind am Abend trotzdem total erschöpft?
  • Fehlt Ihnen der Sinn bei Ihrer Arbeit?
  • Sind Sie mit Ihrem Job unglücklich?
  • Verschicken Sie viele private E-Mails (an Kollegen) in der Arbeitszeit?
  • Arbeiten Sie absichtlich langsamer?
  • Würden Sie gerne etwas anderes machen?
  • Interessiert Sie Ihre Arbeit nicht oder wenig?

Letzter Ausweg: Kündigung

Ein Bore-out wird ähnlich wie ein Burn-out therapiert. Gespräche mit dem Psychotherapeuten oder ein professionelles Coaching, Autogenes Training, Qi Gong und Atemtherapie mindern den seelischen Stress. Ändert sich parallel dazu nichts an der Arbeitssituation, ist die gewonnene Erleichterung aber nur von kurzer Dauer.

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Betroffene müssen selbst etwas tun – sich um eine Weiterbildung bemühen, das Gespräch mit dem Vorgesetzten suchen, andere oder mehr Arbeitsaufträge einfordern und in letzter Konsequenz den Job wechseln.

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